Weichsel-Warthe

wwIn der Landsmannschaft Weichsel-Warthe sind die Deutschen aus den 1815 an Rußland bzw. Österreich gefallenen polnischen Gebieten sowie die der ehemaligen preußischen Provinz Posen zusammengeschlossen, mithin die Deutschen der II. Polnischen Republik (1919-39) außer den Westpreußen und den (Ost-)Oberschlesiern. Sie entstammen den vier sehr unterschiedlichen Siedlungsgruppen der Deutschen aus der ehemaligen Provinz Posen, aus Mittelpolen um Lodz, aus Galizien mit dem Zentrum Lemberg und aus Wolhynien.

Schon seit dem 12., in größerer Zahl seit dem 13. Jahrhundert kamen auf Ruf der polnischen Landesherren nach den Mönchen deutsche Siedler und Kaufleute in das Gebiet der späteren I. Polnischen (Adels)Republik, die seit dem 16. Jahrhundert ein Wahlkönigtum war, und bestimmten lange Zeit das Bild der Städte. Sie bildeten als erste eine bürgerliche, städtische Mittelschicht in dem sonst fast nur agrarischen Land. Anreger der deutschrechtlichen, mit Verleihung zahlreicher Privilegien verbundenen Kolonisation waren die ansässigen Grund- und Landesherren, die polnischen „Magnaten“, die sich technische Innovation und ökonomischen Fortschritt versprachen. In Städten wie Gnesen (1253 deutsches Stadtrecht), Posen (1253), selbst in der – damaligen – Hauptstadt Krakau (1257) usw. stellten Deutsche im 13./14. Jahrhundert oft die Hälfte der Bevölkerung.

Für die bäuerliche deutsche Siedlung wurden – wie etwa auch in Schlesien und Pommern – Prämonstratenser-Klöster wie Lekno (1143) oder Strelno (1193) bald zu Kristallisationspunkten. Wie dort kam die Siedlungsbewegung im 14. Jahrhundert zum Erliegen; eine weitgehende Assimilation der kaum irgendwo geschlossen siedelnden Deutschen folgte in Stadt und Land. Dennoch waren noch im 16. Jahrhundert etwa je ein Drittel der Bevölkerung Krakaus oder Lembergs deutsch. Zu dieser Zeit war das konfessionell noch tolerante Polen, insbesondere das sogenannte Großpolen (um Posen und Gnesen) Zufluchtsort vieler deutscher Protestanten, die Schlesien unter dem Druck der Gegenreformation verlassen mußten.

In den 1793/95 durch die 2. und 3. Teilung Polens nur vorübergehend (bis 1807) an Preußen gekommenen Gebieten (dem sogenannten „Südpreußen“) wurde in wenigen Jahren ein umfangreiches staatliches Landerschließungswerk umgesetzt, das zur Gründung etlicher neuer deutscher Siedlungen führte. Das Gebiet um Posen, von 1815-48 Großherzogtum innerhalb Preußens, danach nur noch Provinz, aber bis in die 1870er Jahre offiziell deutsch/polnisch zweisprachig, hatte um 1900 etwa 40 Prozent deutsche Bevölkerung. Doch schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war Posen Zentrum der nationalpolnischen Bewegung in Preußen: Die überwiegend ländlichen Posener Wahlkreise Buk, Kröben, Schrimm, Wreschen, Krotoschin und Adelnau sowie die Bromberger Wahlkreise Inowrazlaw (dt. 1905: Hohensalza) und Gnesen wählten zwischen 1867 und 1912 ausnahmslos, die Wahlkreise Posen-Stadt, Posen-Samter und Bromberg-Wirsitz fast immer polnische – zumeist adlige – Abgeordnete in den Deutschen Reichstag.

Im österreichischen Galizien lebten um 1900 fast 80.000 Deutsche (1,1 Prozent der Bevölkerung). 1918/19 kam das im Osten mehrheitlich ukrainisch bevölkerte Land an Polen.

Im russischen Mittelpolen entstanden noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutsche Kolonien in und um Lódz (Industrie) und bäuerliche Siedlungen im Gebiet von Cholm. Insgesamt wurden im russischen sogenannten Kongreß-Polen 1897 über 400.000 Deutsche gezählt, die zu über 90 Prozent evangelisch waren. In Wolhynien, wo Deutsche – insbesondere Mennoniten – verstärkt seit 1820 siedelten, lebten 1897 170.000 Deutsche. Zehntausende wurden 1915/16 ins Innere Rußlands verschleppt. Der westliche Teil Wolhyniens um Luck fiel 1921 an Polen.

In den 1918/21 von der II. Polnischen Republik einverleibten früheren Teilungsgebieten – ohne Ost-Oberschlesien und Westpreußen! – lebten 1939 insgesamt noch fast 700.000 Deutsche: 360.000 in Mittelpolen (davon 155.000 in der Woiwodschaft Lódz), über 190.000 in den Woiwodschaften Bromberg/Bydgoszcz und Posen/Poznan (ungefähr das Gebiet der zuvor preußischen Provinz Posen), 70.000 in Galizien, 65.000 in (West-)Wolhynien. In den vorangegangenen Jahren hatte eine massive legislative und administrative Verdrängung Deutscher aus den an Polen gefallenen Gebieten stattgefunden, die allein in Westpreußen (siehe dort) und dem Warthegebiet um Posen über 700.000 Menschen betroffen hatte. Im Gebiet der Woiwodschaft Posen sank die Zahl der deutschen Bevölkerung von 1910 noch 363.000 (28,5 Prozent) auf 1931 97.000 (7,1 Prozent). 1922 und1928 stammten jeweils neun der 17 bzw. 20 deutschen Abgeordneten zum polnischen Sejm aus Polen und dem Posener Land. 1939 wurde das Posener Land als „Reichsgau Wartheland“ annektiert und nahm 1939/40 rund 250.000 deutsche Umsiedler aus von der UdSSR annektierten ost- und südosteuro-päischen Gebieten auf: fast 100.000 aus Wolhynien, 70.000 Deutsche aus Rumänien, 50.000 Deutschbalten usw. Etwa 450.000 Polen wurden in das „Generalgouvernement“ vertrieben.

Geht man davon aus, daß die Deutschen aus Posen und Polen ebenso hohe Kriegs- und Nachkriegsverluste hatten wie die volksdeutsche Bevölkerung der II. Republik insgesamt, ist anzunehmen, daß etwa 50.000 im Krieg als deutsche -zum geringen Teil 1939 auch als polnische – Soldaten gefallen und etwa 100.000 durch Exzeßtaten, Mord, Totschlag, in Lagern, während oder nach der Deportation in die Sowjetunion (insgesamt aus Vorkriegs-Polen über 100.000) oder bei der Vertreibung gewaltsam ums Leben gekommen sind.

In Westdeutschland wurde im Mai 1949 die Landsmannschaft Weichsel-Warthe gegründet, in der sich ein Teil der rund 400.000 Deutschen aus der II. Polnischen Republik organisierte, während die Westpreußen und (Ost-)Oberschlesier eigene Verbände gründeten (siehe jeweils dort). Etliche zweisprachige Deutsche wurden als „Autochthone“ zurückgehalten und verließen das kommunistische Polen in den folgenden Jahrzehnten nach und nach als Aussiedler.

Pate der Deutschen aus dem Lodzer Industriegebiet ist Mönchengladbach.

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