Die Rußlanddeutschen

ruSchon seit dem 16. Jahrhundert lebten Deutsche als Händler, Offiziere, Ärzte, und Beamte in Rußland. Namentlich Deutsch-Balten (siehe dort) nahmen auch am Hof in St. Petersburg führende Stellungen ein. Vor allem das gehobene städtische Deutschtum in Moskau oder später St. Petersburg russifizierte sich jedoch in der Regel allmählich. Im folgenden sollen unter den Rußlanddeutschen nur jene Siedler und ihre Nachkommen verstanden werden, die seit der Zeit Zarin Katharinas II., seit den 1760er Jahren also ins russische Zarenreich kamen.

Vor allem die südrussischen und ukrainischen Landesteile waren seit der Verdrängung der Tataren und Türken durch Russen und Kosaken nur spärlich besiedelt und blieben weit hinter ihren Entwicklungsmöglichkeiten zurück. Auch die Immobilität der russischen Leibeigenschaftsordnung wirkte einer nachhaltigen Kolonisation aus eigenen Ressourcen entgegen. 1762 und 1763 wandte sich die Zarin mit zwei Manifesten an mittel- und westeuropäische Siedlungswillige – ausgenommen: Juden -, denen umfangreiche Privilegien zugesichert wurden: Freie Religionsausübung, Gewerbefreiheit, Steuerbefreiung auf bis zu zehn Jahre, Gemeindeselbstverwaltung, Bewegungsfreiheit usw.

Vor allem in Württemberg, Hessen, Franken, Baden, dem Elsaß, der Pfalz, der Schweiz, aber auch in Westpreußen reizte der Appell an Unternehmer- und Freiheitsgeist viele, den Weg ins Zarenreich zu nehmen. In zwei Siedlungswellen kamen rund 100.000 Deutsche 1763-69 in das weithin menschenleere Gebiet an der mittleren Wolga um Saratow und Samara, nach Woronesch und in das Gebiet von St.Petersburg, 1787-1823 in die den Türken abgenommene südliche Ukraine, auf die Krim, nach Bessarabien (siehe dort) und in den Kaukasus. Die Kolonisten gründeten – streng nach Konfessionen (Evangelische, Katholiken, Mennoniten, Herrnhuter usw.)getrennt – geschlossene und autonom verwaltete Siedlungen, denen sie oft die Namen ihrer Herkunftsorte gaben, so an der Wolga Neu Weimar, Mannheim, Braunschweig, Marienburg oder Zürich und Basel. In der Ukraine wurden Kolonien wie Karlsruhe, Darmstadt und Landau gegründet. Katastrophen wie der Große Kosakenaufstand Pugatschows in den 1770er Jahren warfen das Siedlungswerk nur vorübergehend zurück. Ende des 19. Jahrhunderts griff die Bildung von rußlanddeutschen Tochtersiedlungen bis nach Westsibirien aus.

Die Aufhebung der Wehrdienstfreiheit 1874 und die in den 1880er Jahren unter Zar Alexander III. beginnende aggressive Russifizierungspolitik mit Aushöhlung der Kulturautonomie und Abdrängung der deutschen Sprache veranlaßte vor allem unter den streng pazifistischen deutschen Mennoniten eine erhebliche Auswanderungsbewegung, insbesondere nach Nordamerika.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs lebten gleichwohl rund 2,4 Millionen Deutsche im zarischen Rußland in etwa 3.500 Siedlungen und bewirtschafteten 134.000 qkm Land. Abzüglich der Deutschen im Baltikum, in Kongreßpolen, Wolhynien und Bessarabien (siehe Deutsch-Balten, Weichsel-Warthe) lebten davon rund 1,4 Millionen Deutsche im europäischen Teil Rußlands und in der Ukraine, über 200.000 in Sibirien und im Kaukasus.

Während des Ersten Weltkrieges waren sie vielfachen Repressionen und Verschleppungen (siehe Weichsel-Warthe) ausgesetzt, nach dem bolschewistischen Oktoberputsch 1917 waren sie als überwiegend gut bemittelte Bauern („Kulaken“) Ziel konfiskatorischer und nationalistischer Begehrlichkeiten. Etwa 200.000 Deutsche verließen in den 1920er Jahren die UdSSR. Gleichwohl kam es schon im Oktober 1918 im Rahmen der vordergründig-emanzipatorischen leninschen Nationalitätenpolitik zur Bildung der autonomen wolgadeutschen „Arbeitskommune“, aus der im Januar 1924 die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdWD) hervorging. Erster Regierungschef der „Arbeitskommune“ war kein Rußlanddeutscher, sondern bis 1920 ein bolschewisierter deutscher Kriegsgefangener, der nach seiner Rückkehr nach Deutschland alsbald mit dem Kommunismus brach und schließlich 1947-53 in schwerster Zeit Ober- bzw. Regierender Bürgermeister von (West-)Berlin war: Ernst Reuter. Aber nur etwa ein Drittel der Deutschen in der Sowjetunion lebte in dieser so genannten Wolga-Republik, in der sie zwei Drittel der Bevölkerung stellten. Größere Städte wie Pokrowsk und Katharinenstadt wurden in „Engels“ und „Marxstadt“ umbenannt. Im Bürgerkrieg 1918/21 kamen zehntausende durch Gewalt und Hunger um.

Die verschärfte Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft zu Beginn der 1930er Jahre forderte durch Hungertod, Zwangsenteignung, Verschleppung der „Kulaken“ und willkürliche Massaker auch unter den Rußlanddeutschen hunderttausende Todesopfer, vor allem im ukrainischen Schwarzmeergebiet, wo insgesamt etwa sechs Millionen Menschen durch den kommunistischen Staatsterror umkamen. 1938/39 wurden alle Selbstverwaltungskörperschaften (National-Rayons) und Schulen der Rußlanddeutschen außerhalb der ASSRdWD aufgelöst. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs lebten noch insgesamt rund 1,4 Millionen Deutsche auf sowjetischem Territorium.

Der Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges im Juni 1941 löste für den Großteil der Rußlanddeutschen endgültig die Katastrophe aus: Am 28.8.1941 verfügte das „Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR“ die Deportation der Wolgadeutschen nach Sibirien und Mittelasien, da Stalin und Berija ohne Angabe von Gründen unter ihnen „tausende und zehntausende Diversanten und Spione“ mutmaßten, obwohl die meisten seit Jahrzehnten kaum Kontakt zur deutschen oder überhaupt zur nicht-sowjetischen Außenwelt gehabt hatten. Innerhalb weniger Wochen wurden über 700.000 Deutsche nicht nur aus der alsbald für immer aufgelösten ASSRdWD, sondern auch aus der Ukraine und dem Kaukasus von Truppen des KGB-Vorläufers NKWD deportiert; etwa ein Drittel der Betroffenen hat die Exzesse bei der Internierung, den wochenlangen Eisenbahntransport oder die erste Zeit in den unwirtlichen Ankunftsgebieten nicht überlebt. Sie starben binnen Wochen an Durst, Hunger, Erschöpfung, Seuchen und nur zu oft an den berüchtigten „acht Gramm Blei ins Genick“ (Solschenizyn). Zehntausende rußlanddeutsche Soldaten der Roten Armee wurden 1941 aus der Truppe entfernt und ebenfalls deportiert oder einfach erschossen.

280.000 Rußlanddeutsche, denen 1941 in den westlichen Randregionen der Ukraine wegen des raschen Vormarsches der Wehrmacht die Deportation erspart geblieben war und die sich 1943/44 mit der Deutschen Wehrmacht nach Westen bewegten, wurden 1945/46 von den westlichen Alliierten den Sowjets ausgeliefert und in die asiatischen Teile der UdSSR deportiert. Auch zehntausende Vertrags-Umsiedler, die 1939/40 den Westen der Ukraine und Weißrußlands verlassen hatten und niemals Sowjetbürger gewesen waren, wurden „repatriiert“. Kaum zwei von drei überlebten. Bis 1955 lebten die meisten Deutschen unter der Kommandatur der sogenannten Trud-Armija (Arbeits-Armee) als Zwangsarbeiter unter Haftbedingungen. Auch nach ihrer teilweisen „Rehabilitierung“ 1964 durften sie nicht in ihre Heimat an Wolga oder Schwarzem Meer zurückkehren – im Gegensatz zu anderen 1943/44 deportierten Völkern wie Tschetschenen, Kalmücken oder Inguschen. Die deutsche Sprache wurde von den Sowjets radikal unterdrückt; erst 1957 erschien in Moskau – wo kaum Deutsche lebten – eine erste (kommunistische) deutschsprachige Zeitung.

Trotz der gewaltigen und notabene völlig unverschuldeten Menschenverluste wurden bei der ersten zuverlässigen Volkszählung nach dem Zweiten Weltkrieg 1959 1.620.000 Deutsche in der UdSSR gezählt, die Hälfte davon in den asiatischen Teilen der Russischen SFSR, die meisten anderen in Kasachstan und anderen mittelasiatischen Sowjetrepubliken. Im Jahr der letzten sowjetischen Volkszählung 1989 lebten 2.040.000 Deutsche in der UdSSR: Die meisten – 960.000 – in Kasachstan, 840.000 in Rußland – davon nur 35.000 an der Wolga um Saratow und Wolgograd -, über 100.000 in Kirgisien, 40.000 in Usbekistan usw. Nur 38.000 lebten inzwischen doch wieder in der Ukraine.

Nachdem Ende der 80er Jahre unter dem Zeichen der „Perestrojka“ Hoffnungen auf eine Wiederherstellung der Wolga-Republik aufgekommen und sich schon bald als Illusion herausgestellt hatten, kam es zu einer enormen Aussiedlungsbewegung nach Deutschland. Auch hatte das 1986 verabschiedete neue Gesetz über Ein- und Ausreise faktisch Freizügigkeit geschaffen: Waren in den 70er und frühen 80er Jahren jährlich nur wenige tausend oder sogar nur hunderte Deutsche im Rahmen der Familienzusammenführung ausgesiedelt (1986: 1.349), kamen in den Jahren 1988-1996 über 1,4 Millionen, 1997-2002 (1.Hj.) weitere 560.000 Rußlanddeutsche und Familienangehörige nach Deutschland, die Mehrzahl aus Kasachstan.

In den einzelnen ehemaligen Sowjetrepubliken, insbesondere in Rußland (2000 geschätzt: noch 800.000 Deutsche; 0,6 Prozent der Bevölkerung), Kasachstan (400-500.000) und der Ukraine organisierten sich seit Ende der 80er Jahre die Deutschen in Vereinen und bemühen sich um Restaurierung ihrer 50 Jahre lang repressierten Kultur und Sprache.

In der Bundesrepublik wurde im Herbst 1950 von der Minderheit derjenigen Rußlanddeutschen, die nicht von Engländern und US-Amerikanern den Sowjets ausgeliefert worden waren, da sie inzwischen deutsche Bürger waren und ihre Personalpapiere Geburtsorte wie „Karlsruhe“, „Landau“ oder dergleichen nannten (etwa 50.000), auf Initiative konfessioneller Vereinigungen – Lutheraner, Mennoniten, Freikirchen, Katholiken – die Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler gegründet, aus der 1955 die Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland hervorging. Seit Ende der 90er Jahre ist sie die wichtigste Anlaufstelle für die millionenfach nach Deutschland kommenden Landsleute, die nicht ihre angestammte Heimat verlassen, sondern die Zielgebiete ihrer Deportation 1941 bzw. 1944/45.

Pate der Rußlanddeutschen insgesamt ist das Land Baden-Württemberg, Patenland der Wolgadeutschen Hessen.

3 Responses to Die Rußlanddeutschen

  1. Laura says:

    Vor allem lebten im 16. JH „Deutsche“ als Händler, Beamte, Ärzte und Offiziere in RUS. 🙂
    Damals gabs überhaupt keine Deutschen, sondern verschiedene germanische und alemannische Stämme sowie die bunt zusammen gewürfelten Bajuwaren.

    Dank Luthers Bibel und Gutenbergs (aka Gensfleisch) Buchdruckkunst wurde denen erst mal die Theutsche Sprache übergebraten – die jiddischdaitsche Kontrollsprache.

    Und diese Berufe hatten die – auch später – nicht ausgeübt. Das sind andere, die gerade in diesen „schweißtreibenden“ Berufen Karrieren machten und machen. Solche Geschichten fallen eher in den Kernbereich der üblichen Märchenerzähler.

    Das Buch von Prof. Johannes Fried „Deutschland – der Weg zurück in die Geschichte“ ist sehr erhellend.

  2. Suche nach Verwandten (Russlanddeutsche), die in Orenburg hinter dem Ural wohnten. Sie waren Kolacken und reichlich an Besitz! Meine Oma und Familie wurden bei Nacht und Nebel vertrieben und kamen nach Deutschland. Leider gibt es in Deutschland keine Ergebnisse, die dies belegen. Ich kann mich nur noch erinnern, als mir meine Oma Dorothea Brendt mir so viel aus ihrer Heimat erzählte. Sie waren 14 Kinder und nun suche ich nach eventuell noch lebenden Personen. Vielen Dank!
    Ines Schlage (geborene Brendt)

  3. Suche noch nach Verwandtschaft aus Orenburg hinterm Ural. Leider kann ich meine Oma nicht mehr fragen.
    Sie besaßen eine Mühle, waren Kolacken in Orenburg und 14 Kinder.
    Vielen Dank!
    Ines Schlage geborene Brendt

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