Die Ostpreußen

OPDie Initiative zur deutschen Besiedlung des später Ostpreußen genannten Gebiets der elf prußisch-baltischen Clan-Gaue Pomesanien (siehe Westpreußen), Pogesanien, Natangen, Nadrauen, Samland, Sudauen,Galinden, Warmien, Sassen, Schalauen und Barten, die als Landschaftsbezeichnungen erhalten blieben, ging von polnischer Seite aus: Der Herzog des polnischen Teilfürstentums Masowien, dem die Prußen zu Beginn des 13. Jahrhunderts das Kulmerland an der unteren Weichsel abgenommen hatten, rief 1225/26 die Ritter des 1190/98 im Heiligen Land gegründeten Deutschen Ordens zu Hilfe gegen die noch nicht christianisierten baltischen Stämme. Nachdem dem Orden vom staufischen Kaiser Friedrich II. durch die auf 1226 datierte „Goldene Bulle von Rimini“ (tatsächlich ausgestellt 1235) der Besitz nicht nur des Kulmerlandes (siehe Westpreußen), sondern aller weiterer eventuellen Eroberungen zugesagt worden war, begannen 1231 östlich der Weichsel Landnahme und „Schwertmission“. Zur Landessicherung wurden die ersten Ordensburgen errichtet: Thorn, 1232 Kulm, 1233 Marienwerder, 1239 Balga, 1252 Memel, 1255 Königsberg, 1274 Marienburg, die 1309-1457 Hauptsitz des Ordens war usw. Sie waren auch Ausgangspunkte der deutschen Kolonisation, die sich zeitgleich mit der militärischen Unterwerfung der nach neuesten Schätzungen seinerzeit ungefähr 200.000 Prußen vollzog.

Die Ordensritter, selber zu zölibatärem Leben verpflichtet, hatten lebhaftes Interesse an der Ansiedlung deutscher Bauern, Handwerker und Kaufleute. Im 13. und 14. Jahrhundert kamen die Siedler überwiegend aus Niederdeutschland, dem Einflußgebiet der Hanse, zu deren Schutzmacht sich der Deutsche Orden zeitweise entwickelte, und aus Mitteldeutschland, zum Teil auch schon aus anderen Ostsiedlungsgebieten wie Schlesien. Aus ihnen und den sich widerstrebend dem Christentum zuwendenden Teilen der prußischen Bevölkerung bildete sich im Lauf der Jahrhunderte der Neustamm der Ostpreußen. Die prußische Sprache behauptete sich in einigen Landesteilen noch bis ins 17. Jahrhundert, im Norden das verwandte Litauische noch lange darüber hinaus. Der Form nach ein geistliches Territorium, war der Ordensstaat ein in seiner Zeit hochmoderner und effizienter Verwaltungsstaat.

Rückschläge der Kolonisationsarbeit wie die von außen geschürten Prußenaufstände von 1243-53 und 1260-73 verhinderten nicht, daß ab 1283 das ganze Gebiet des späteren Ostpreußen dem Orden unterstand. Er teilte sich die Landesherrschaft mit den Bischöfen von Ermland, Samland, Pomesanien und Kulm, die ab 1243 in einem Drittel des Preußenlandes auch die weltliche Herrschaft ausübten. Im Jahr 1410, als mit der gegen polnisch-litauische und revoltierende landeseigene ständische Truppen verlorenen Schlacht von Tannenberg der Niedergang der Ordensherrschaft begann, zählte man im preußischen Ordensland – also einschließlich des späteren Westpreußen – 93 Städte deutschen Rechts und 1.400 deutsche Dörfer. Nachdem durch die große Pest 1347/48 im Ordensland der Zustrom der Siedler aus dem Reich abbrach, ließen sich seit dem 15. Jahrhundert im Süden auch polnische Siedler aus Masowien im Gebiet des später so genannten Masuren nieder, die vor allem durch den Übergang zur Reformation in den 1520er Jahren und die Aufnahme weiterer polnischer evangelischer „Dissidenten“ im 17. Jahrhundert den inneren Bezug zum polnischen Volk und Staat verloren und zu Ostpreußen wurden. Im Norden siedelten sich zwischen dem 15. uns 17. Jahrhundert immer wieder litauische Gruppen an, die sich allmählich assimilierten und gleichfalls evangelisch wurden.

Erst der Krieg von 1454-66, den die im „Preußischen Bund“ zusammengeschlossenen revoltierenden Stände – unter ihnen 19 deutsche Städte wie Elbing und Thorn – und Polen-Litauen gegen den Orden führten, erschütterte die Ordensherrschaft ernsthaft: Im 2.Thorner Frieden von 1466 mußte der Deutsche Orden Pommerellen, das Kulmerland, Danzig, Elbing und Marienburg (siehe Westpreußen) an die Krone Polens abtreten, das Bistum Ermland wurde dem polnischen König lehnsabhängig und blieb im Gegensatz zum restlichen Land immer katholisch. Diese Gebiete wurden im Unterschied zum verbliebenen Ordensland künftig das „Königliche Preußen“ genannt.

1525 schließlich wurde der Rest des preußischen Ordensstaats mit der Hauptstadt Königsberg (seit 1457 Sitz des Ordens-Hochmeisters) nach Säkularisierung und Umwandlung in ein weltliches Erb-Herzogtum unter Hochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach dem polnischen König lehnsabhängig. Dieses „herzogliche Preußen“ fiel 1618 als Erbe an die kurfürstlich-brandenburgische Linie der Hohenzollern. Unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm konnte man sich nach dem 1. Nordischen Krieg im Vertrag von Oliva 1660 von der polnischen Oberhoheit befreien.

1701 führte die Königskrönung Kurfürst Friedrichs III. von Brandenburg in Königsberg zum „König in Preußen“ dazu, daß der Landesname sich bald bis hin zum Niederrhein auf den brandenburgisch-preußischen Gesamtstaat übertrug.

Eine Pestepidemie entvölkerte 1709/10 Ostpreußen weitgehend und führte zu neuen staatlich gelenkten Ansiedlungsmaßnahmen, von denen die bekannteste 1731/32 die Aufnahme der 15.000 evangelischen „Exulanten“ aus dem Fürstbistum Salzburg war, die sich in ihrer alten Heimat der Rekatholisierung widersetzt hatten. Anstelle älterer prußischer Ortschaften entstanden neue deutsche Städte wie Ragnit und Stallupönen 1722, Pillkallen und Gumbinnen 1724, Nikolaiken 1726, Tapiau 1728 usw. Die russische Besetzung des Landes in den 1750er Jahren während des Siebenjährigen Krieges blieb Intermezzo und hinterließ keine Spuren.

1772 kam durch die 1.Polnische Teilung der größte Teil des „königlichen Preußen“ mit dem Ermland an Preußen. Die Provinzen Ostpreußen – mit dem Ermland und der Hauptstadt Königsberg – und Westpreußen – mit der Hauptstadt Danzig – wurden 1773 gebildet. Beide blieben außerhalb des 1815 gebildeten Deutschen Bundes, gehörten aber ab 1867/71 zum Norddeutschen Bund bzw. zum Deutschen Reich und bildeten von 1824-78 die vereinigte Provinz Preußen.

Aufgrund des Versailler Vertrags kam der östliche Teil des nicht an Polen abzutretenden Westpreußen als Regierungsbezirk (Hauptstadt Marienwerder) 1919 an Ostpreußen. Auf polnisches Drängen wurde im südlichen Ostpreußen im August 1920 ein Plebiszit über die zukünftige staatliche Zugehörigkeit Masurens abgehalten, dessen Ergebnis eindeutig war: Im ostpreußischen Regierungsbezirk Allenstein (12.400 qkm mit 580.000 Einwohnern) stimmten 97,9 Prozent für den Verbleib bei Deutschland, nur 8.000 für Polen, im Regierungsbezirk Westpreußen/ Marienwerder (2440 qkm mit 165.000 Einwohnern) 92,4 Prozent für Deutschland, knapp 8.000 für Polen. Die überwältigende Mehrheit der Masuren und der katholischen Ermländer hatte sich so eindeutig positioniert. Für Polen, das sich als Befreier von „preußischer Unterdrückung“ angedient hatte, war es eine selbstverschuldete und demütigende Blamage vor aller Welt.

Auch am anderen Ende Ostpreußens wollte man sich nicht „befreien“ lassen: Das Memelland, die nördlich der Memel gelegenen vier ostpreußischen Landkreise (2.708 qkm mit 154.000 Einwohnern), im Oktober 1919 von Deutschland abgetrennt und einem alliierten Regime unterstellt, wurde im Januar 1923 von Litauen besetzt und annektiert, doch die Bevölkerung machte vor allem bei den Landtagswahlen deutlich, wem sie sich zugehörig fühlte. Zwar waren nur 71.000 Memelländer deutsch-, hingegen 67.000 litauischsprachig oder litauisch/deutsch-zweisprachig, aber trotz litauischer Pressionen, der Ansiedlung von Litauern und Wahlfälschungen errangen die deutschen Parteien 1925 94,0, 1930 82,2 Prozent, 1938 schließlich 87,2 Prozent der Stimmen. Die Situation war unhaltbar. Im März 1939 wurde das Land völkerrechtskonform durch Staatsvertrag an Deutschland zurückgegeben.

Im Oktober 1944 wurde der östliche Regierungsbezirk Gumbinnen als erstes Gebiet des Alt-Reichs Schauplatz von Bodenkämpfen zwischen deutscher Wehrmacht und Sowjetarmee und ersten wahllosen Massakern an der Zivilbevölkerung. Das vorübergehend von deutschen Truppen zurückeroberte Dörfchen Nemmersdorf, wo sich schreckliche Szenen abgespielt hatten, wurde zum Menetekel des Deutschen Ostens. Nur wenige Wochen nach Beginn der sowjetischen Weichsel-Offensive im Januar 1945 war Ostpreußen vom Westen abgeschnitten und eine Flucht zu Lande unmöglich geworden. Fast eine halbe Million Menschen konnte sich nur noch über das zugefrorene Frische Haff in Sicherheit bringen, wobei viele durch Eisbruch oder sowjetische Flieger dennoch umkamen. Königsberg wurde eingekesselt und kapitulierte am 9.April 1945. Zwar konnten über tausend Schiffe der deutschen Kriegs- und Handelsmarine zwischen Januar und Mai 1945 rund 2,4 Millionen Menschen – darunter auch viele Soldaten – über See retten („nur“ 33.000 = 1,3 Prozent kamen um, davon 9.000 auf der von einem sowjetischen U-Boot am 27.1.1945 torpedierten „Wilhelm Gustloff“, 6.700 auf der „Goya“, 3.600 auf der „Steuben“), aber ein Großteil der Zivilbevölkerung erlebte die Schrecken der sowjetischen Besatzung und die Anfänge des polnischen Regimes.

Von den rund 2,5 Millionen Ostpreußen (einschließlich Memelland), von denen schon 220.000 (jeder vierte wehrfähige Ostpreuße!) im Krieg gefallen waren, kamen weitere 240.000 bei Flucht und Vertreibung gewaltsam um. Vor allem die beispiellosen Gewaltexzesse der sowjetischen Soldaten forderten gewaltige Verluste unter der Zivilbevölkerung. Von der zurückgebliebenen Bevölkerung Königsbergs starb in den Jahren 1945-48 mehr als die Hälfte durch Mord, Totschlag, Hunger, Seuchen.

Nach dem Krieg wurde Ostpreußen dreigeteilt: Das Memelland wurde der Litauischen Sowjetrepublik angegliedert, der übrige nördliche Teil – 13.205 qkm (1939 1.160.000 Einwohner) – mit Königsberg (seit 1946 „Kaliningrad“), wurde Teil der Russischen Sowjetrepublik (RSFSR), die Ausweisung der noch anwesenden Deutschen aus dem sowjetrussisch beherrschten Teil Ostpreußens war total und wurde 1948 abgeschlossen. Das Gebiet blieb bis 1991 militärisches Sperrgebiet und für alle Auswärtigen unzugänglich.

Der Süden – 23.791 qkm (1939 1.330.000 Einwohner) – wurde Polen zugeschlagen. In der dort gebildeten Woiwodschaft Allenstein wurden nach Vertreibung der meisten noch Anwesenden etwa 160.000 Deutsche, vor allem Masuren, zurückgehalten, die man für „repolonisierbar“ hielt. In den folgenden Jahrzehnten sind sie, polnischer Bevormundung und Gängelei überdrüssig, mehrheitlich in die Bundesrepublik Deutschland ausgesiedelt. Als Neusiedler kamen in den Süden Ostpreußens nicht nur Polen, sondern 1947 unfreiwillig auch etwa 100.000 zwangsumgesiedelte Ukrainer aus Polens südöstlichen Grenzgebieten.

1950 wurden 1.960.000 vertriebene Ostpreußen gezählt, davon 1.350.000 in Westdeutschland. Schon am 3.Oktober 1948 war die Landsmannschaft Ostpreußen in Hamburg gegründet worden, wo sie bis heute ihren Sitz hat. Zum ersten Sprecher der Landsmannschaft (bis 1951) wurde Dr. Ottomar Schreiber gewählt, der 1932-34 Landespräsident (Regierungschef) des litauisch beherrschten Memellands gewesen war. 1950 gehörte Schreiber zu den Mitautoren und Unterzeichnern der Charta der deutschen Heimatvertriebenen.
1978 übernahm der Freistaat Bayern die Patenschaft über die Landsmannschaft Ostpreußen.

5 Responses to Die Ostpreußen

  1. silvia Bruines says:

    Hallo Leute kann mir bitte jemand helfen bei der Suche nach Gut Romahnshof?Bilder wie es aussehen/ausgesehen hat?Mein Großvater stammt von dort.

  2. Heller says:

    Ich suche die Familie Heller/Hensel aus Nautzken Kreis Labiau und Tapiau. Carl Heller war mein Urgroßvater

  3. vera blanke says:

    Ich suche meinen Opa ? Rose aus Palmnikken. Seine Frau hiess Lina Rose und sie hatten 2Kinder Erwin und Lieselotte. Weiss jemand etwas von dieser Familie oder meinem Opa? Bitte anrufen unter 08051/ 62889

    Fr. Vera Blanke

  4. Stegner Wolfgang says:

    Suche Nachfahren der Familie Mertsch und Plockstys (o.a.). Meine Mutter war eine geb. Mertsch Christel.

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