Die Oberschlesier

Der süosdöstliche Teil Schlesiens, seit dem Ende der Völkerwanderungszeit von geringer germanisch-wandalischer Restbevölkerung und den von Osten her zugewanderten slawischen Opolanen dünn besiedelt, geriet um 1000 unter polnische Herrschaft und nahm aufgrund der zahlreichen Erbteilungen der Piasten-Dynastie seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine gewisse Sonderentwicklung gegenüber Mittel- und Niederschlesien (1163 Herzogtum Ratibor), von dem es ungefähr durch den linken Oder-Zufluß der Glatzer Neiße und den rechten des Stober abgegrenzt ist. Seit 1202, als sich Ratibor Oppeln aneignete, das nun dem Land den Namen gab, sonderte sich der oberschlesische Zweig der schlesischen Piasten vom Rest des Fürstengeschlechts immer mehr ab. Es kam zu keinen der ansonsten bei ober- wie niederschlesischen Piasten sehr häufigen Erbverbindungen und Erbfälle mehr zwischen beiden Landesteilen. Das Herzogtum Oppeln zerfiel ab 1281 in weitere Teilherzogtümer: Beuthen, Oppeln, Ratibor, Teschen, Cosel, Auschwitz und Zator, wobei die beiden letzteren aber schon 1457 bzw.1479 an Polen kamen. Danach war die schlesisch-polnische Grenze für beinahe ein halbes Jahrtausend eine der unumstrittensten und friedlichsten ganz Europas.

Ebenso wie die anderen piastischen Herzogtümer Schlesiens nahmen die oberschlesischen in den 1320er/1330er Jahren die Lehnsoberhoheit der damals von den Luxemburgern innegehabten Böhmischen Krone an, der das Land bis 1742 und in Teilen bis zum Ende der Monarchie 1918 angeschlossen blieb. Polen verzichtete gegenüber Böhmen im Vertrag von Trentschin 1335 „auf ewige Zeiten“, Ansprüche auf Schlesien geltend zu machen. Spätestens mit diesem Übergang an Böhmen war Schlesien Bestandteil des Hl. Römischen Reiches geworden. 1532 starben die verzweigten Oppelner, 1625 die Teschener Piasten aus.

Die deutsche Kolonisation des südöstlichen Schlesien mit den mittelalterlichen Zentren Oppeln (1217 Verleihung deutschen Stadtrechts an die deutschen „Hospites“/ Gäste), Beuthen (1254) Ratibor (1299), Teschen (1374) usw. begann im 13.Jahrhundert zeitversetzt um wenige Jahrzehnte mit der Niederschlesiens (siehe Schlesier). Die Kolonisten kamen aus dem ganzen Reich und leiteten durch Einführung neuer und effizienter Rechts- und Wirtschaftsformen einen Prozeß der allmählichen zwanglosen Assimilation der angesessenen Bevölkerung ein. Auch die Vertiefung der kirchlichen Organisation trug dazu bei. Innerhalb von 150 Jahren wurden in Oberschlesien, im Herzogtum Oppeln 20 Städte und über 200 Dörfer nach deutschem Recht gegründet.

Wegen der im Vergleich zu anderen Zielregionen der Ostsiedlung aber erst später begonnenen Kolonisation wirkten sich die Große Pest der Jahre 1347/48 und die verheerenden Einfälle der sektiererischen tschechischen Hussiten 1425-35 hier besonders einschneidend aus, da nicht nur die Bevölkerung dezimiert wurde, sondern auch der Strom der Zuwanderer aus dem Reich stark ab-, der aus Polen hingegen zunahm. In Oberschlesien stockte in der Folge östlich der Oder und im Süden insbesondere der sprachliche Assimilationsprozeß, so daß sich vor allem bei der ländlichen Bevölkerung seit dem Mittelalter eine Zweisprachigkeit des Deutschen und eines mit vielen deutschen und tschechischen Anlehnungen versehenen polnischen Dialekts (lange „Wasserpolnisch“ genannt, seit geraumer Zeit spricht die Sprachwissenschaft lieber vom „Oberschlesischen“) durchsetzte. In den Städten dominierte hingegen bald die deutsche Sprache.

Eine Schlüsseleigenschaft der Oberschlesier war und blieb bis heute trotz vorübergehender Erfolge der Reformation im 16. Jahrhundert ihr ausgeprägter Katholizismus, der die Jahrhunderte überdauerte. Nach dem Übergang Schlesiens an Habsburg 1526 war die Gegenreformation des ausgehenden 16. und des 17. Jahrhunderts hier besonders rigoros. Nur in südlichen Randgebieten um Teschen oder Bielitz und um Kreuzburg im Norden behauptete sich der Protestantismus – und zwar bei Deutschen und Polen.

Im Ergebnis des 1.Schlesischen Krieges (1740-42) kamen mit Ausnahme der oberschlesischen Herzogtümer Troppau, Jägerndorf und Teschen, die bei der Böhmischen Krone blieben (siehe Sudetendeutsche), ganz Schlesien und zudem die Grafschaft Glatz an Preußen. Preußisch-Oberschlesien wurde 1816 Regierungsbezirk der im gleichen Jahr gebildeten Provinz Schlesien.

Die stürmische Industrialisierung (Steinkohle, Zink) vor allem in der 2.Hälfte des 19. Jahrhunderts führte zum einen zu starker Einwanderung polnischer „Gastarbeiter“ aus dem russischen Kongreß-Polen, zum anderen zu einer rapiden Verstädterung des oberschlesischen Bergbaureviers: Die Einwohnerzahl von Kattowitz stieg in wenigen Jahrzehnten von 4.800 (1865) auf 36.000 (1905), in Gleiwitz von 9.000 (1852) auf über 60.000 (1905), in Königshütte von 14.000 (1868) auf 66.000 (1905), in Zabrze (1915: Hindenburg) von 10.000 (1885) auf 54.000 usw. Die Bevölkerungsdichte war schließlich (1939) mit 157 Einwohnern pro qkm mehr als doppelt so hoch wie etwa in den preußischen Regierungsbezirken Königsberg oder Frankfurt/Oder.

Das Aufkommen dadurch bedingter neuer sozialer Gegensätze und ein Übergreifen der polnischen Nationalbewegung von Posen und Westpreußen (siehe dort) auf Oberschlesien um 1900 verband sich bald in brisanter Weise. Bei der Reichstagswahl 1903 ging erstmals einer der zwölf oberschlesischen Wahlkreise – bis dahin fast uneinnehmbare Hochburgen der um nationalen Ausgleich bemühten katholischen Zentrumspartei – an einen polnischen Kandidaten, 1907 wurden fünf Polen gewählt und 1912 entfielen insgesamt 94.000 Stimmen (30,8 Prozent) auf polnische Bewerber in neun der zwölf Kreise, im Nordwesten Oberschlesiens trat man erst gar nicht an, vier wurden gewählt.

Nach dem Ersten Weltkrieg strebte Polen die Annexion des größten Teils Oberschlesiens an. Drei sogenannte „polnische Aufstände“ unter Beteiligung regulärer polnischer Streitkräfte 1919, 1920 und im Mai 1921 wurden aber von deutschen Selbstschutzverbänden niedergeschlagen. Im März 1921 erbrachte in dem unter alliierte Verwaltung und Besetzung gestellten Teil Oberschlesiens eine Volksabstimmung das Ergebnis, daß 707.000 Stimmberechtigte (59,6 Prozent) für den Verbleib bei Deutschland, 479.000 (40,4 Prozent) für den Übergang des Landes an Polen stimmten. Die Alliierte Botschafterkonferenz verfügte eine Teilung des Landes, durch die 1922 3.213 qkm mit 985.000 Bewohnern an Polen überging (selbst in diesem abgetretenen Teil hatten nur 55,8 Prozent für Polen votiert, obwohl 2/3 der Bevölkerung 1910 polnische bzw. oberschlesische Muttersprache angegeben hatten). Die an Polen gefallenen großen Städte hatten mehrheitlich für den Verbleib bei Deutschland gestimmt: Kattowitz 85 Prozent, Königshütte 75 Prozent. Bis 1925 wanderten rund 120.000 Deutsche zum Teil unter Druck von Ost- nach West-Oberschlesien oder in andere Teile Deutschlands ab.

Ost-Oberschlesien wurde mit dem von Österreich abgetretenen östlichen Teil des Teschener Schlesien zu einer Woiwodschaft mit gewissen Autonomierechten und eigenem Landtag (Sejmik) zusammengeschlossen, in dem stets auch Vertreter der deutschen Volksgruppe vertreten waren. Auf die verschiedenen deutschen Parteien entfielen bei den Landtagswahlen 1922 25,8 und 1930 34,2 Prozent der Stimmen. Ende der 30er lebten in Ost-Oberschlesien einschließlich des Teschener Schlesien rd. 490.000 Deutsche, darunter aber rd. 360.000 Zweisprachige. Eine nationale Zuordnung der Mehrsprachler in Oberschlesien blieb immer problematisch, so daß der Begriff des „Schwebenden Volkstums“ aufkam. Viele Doppelsprachler entzogen und entziehen sich dem Bekenntnisdruck durch die Selbstdefinition als „Schlesier“.

Im bei Deutschland und Preußen gebliebenen West-Oberschlesien lebten 1925 über 830.000 Deutsche (60,4 Prozent) und 390.000 deutsche, polnische und „schlesische“ Doppelsprachler (bzw. oft Dreisprachige – polnisch, deutsch, oberschlesisch). Daß die Sprache kein Indiz für nationales Bekenntnis darstellte, zeigten wie schon das Plebiszit von 1921 die Ergebnisse für die Polnische Volkspartei bei den Reichstagswahlen in der Provinz (West-)Oberschlesien: 1922 zehn Prozent, Dez. 1924 7,8 Prozent, 1928 5,4 Prozent usw.

Von den über 1,5 Millionen Einwohnern der Provinz Oberschlesien (in ihren Vorkriegsgrenzen ohne das im Oktober 1939 angegliederte Ost-Oberschlesien) kamen 85.000 im Krieg um, 570.000 wurden bis 1950 vertrieben, zu über 90 Prozent nach Westdeutschland; vor allem Nordrhein-Westfalen und dann mit Abstand Niedersachsen und Bayern waren Hauptaufnahmegebiete. Etwa 800.000 Oberschlesier wurden als „repolonisierbare“ sogenannte Autochthone verifiziert, zurückgehalten und in den folgenden Jahrzehnten einem massiven Polonisierungsdruck unterworfen. Der Gebrauch der deutschen Sprache blieb lange Zeit verboten.

Aus dem Gebiet der Woiwodschaft (Ost-)Oberschlesien mit Teschen wurden über 215.000 Deutsche vertrieben, darunter auch 85.000 Zweisprachige, überwiegend solche, die sich während des Krieges in die sog. Deutschen Volkslisten I oder II hatten eintragen lassen. Mehrere zehntausend, die sich nur schwer von den anderen Vertreibungsverlusten der Deutschen aus (Vorkriegs-)Polen abgrenzen lassen, kamen – zum Teil in Konzentrationslagern wie dem berüchtigten Zgoda bei Schwientochlowitz – gewaltsam ums Leben.

In den folgenden Jahrzehnten, zumal Mitte der 50er, zu Beginn der 70er und massiv Ende der 80er Jahre verließen hunderttausende Oberschlesier als Aussiedler das Land und stellten mit Abstand den größten Teil der deutschen Aussiedler aus der Volksrepublik (seit 1989 Republik) Polen, alleine in den Jahren 1988-91 etwa 470.000 von 540.000.

Heute leben noch etwa 300-500.000 Deutsche in den Woiwodschaften Oppeln/Opole und „Schlesien“ (Slask) (= Ost-Oberschlesien mit Kattowitz). Etwa 150.000 haben sich seit Anfang der 90er Jahre ihre fortbestehende deutsche Staatsangehörigkeit durch die Ausstellung deutscher Pässe bestätigen lassen. Im polnischen Sejm ist die Volksgruppe seit 1991 mit eigenen Abgeordneten vertreten. Die Aussiedlungsbewegung ist auch wegen der seit 1990 herrschenden Freizügigkeit und Reisefreiheit gegen Null zurückgegangen.

In der Bundesrepublik organisierten sich die Oberschlesier teilweise in der im März 1950 gegründeten Landsmannschaft Schlesien – Nieder- und Oberschlesien, die heute in Königswinter sitzt, zum anderen Teil in der auch 1949/50 entstandenen Landsmannschaft der Oberschlesier (Sitz: Ratingen-Hösel). Eine Patenschaft über die Schlesier übte von 1955-90 das Land Niedersachsen aus, Pate der Oberschlesier ist seit 1964 Nordrhein-Westfalen. Der langjährige Sprecher der Landsmannschaft der Oberschlesier, Herbert Czaja, war 1970-1994 zugleich Präsident des Bundes der Vertriebenen.

5 Responses to Die Oberschlesier

  1. Alex Lund says:

    Hallo,

    es ist vorbei. Die neue Glocke ist da und die alte Glocke ist nach Polen unterwegs.

    http://www.aachener-zeitung.de/lokales/heinsberg/neue-donatus-glocke-erst-schwebt-sie-dann-rollt-sie-1.1167337

    http://www.aachener-zeitung.de/lokales/heinsberg/donatusglocke-schwebt-an-ihren-platz-1.1200569

    Den zweiten Artikel kann ich euch einscannen.

    Ihr könnt euch ja melden. falls überhaupt Interesse besteht.

  2. Alex Lund says:

    Hallo,
    dazu brauche ich eine Emailadresse von euch.

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