Die Donauschwaben

DonauDen deutschen Stamm, der sich beiderseits der mittleren Donau im pannonischen Zentralraum nach der Befreiung Ungarns von der Türkenherrschaft im 18. Jh. aus Einwanderern der südwestdeutschen, aber auch böhmischen und österreichischen Stammlandschaften entwickelte, bezeichnet die Völkerkunde seit den 1920er Jahren als Donauschwaben. Die im selben Raume lebenden slawischen und madjarischen Nachbarn hatten diese Deutschen seit ihrer Ansiedlung „Schwaben“ genannt.

Nach einer seit 1526 rund 150 Jahre währenden Herrschaft über den Großteil Ungarns scheiterten die Türken an der Belagerung Wiens und erlitten 1683 in der Schlacht am Kahlenberg jene Niederlage, die sich als eine politisch-kulturelle „Wende“ für ganz Südosteuropa erweisen sollte.

1686 setzte bereits die Besiedlung Ofens (ung. Buda) und des Ofener Berglandes durch deutsche Bauern und Handwerker ein, und 1689 erließ Kaiser Leopold I. das erste Ansiedlungspatent zur Wiederbevölkerung des Erbkönigreichs Ungarn. Nach dem Siege Prinz Eugens bei Zenta 1697 über die Türken griffen diese in den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714), eine krisenhafte Zeit für Österreich, nicht ein. Als jedoch das neugestärkte Osmanische Reich erfolgreich die Republik Venedig angriff, sah sich Österreich gefährdet und begann 1716 jenen siegreichen Türkenkrieg, der nach Eroberung von Temeswar und Belgrad 1718 mit dem Frieden von Passarowitz (srbkr. Pozarevac) endete. Durch ihn wurde die Herrschaft der habsburgischen Kaiser über Westungarn, das Banat, die Batschka, Syrmien und Teile Bosniens abgesichert. In der Folge forderten die ungarischen Stände auf dem Landtag von Preßburg 1722/23 Kaiser Karl VI. auf, „freie Personen jeder Art“ in das Land zu rufen und in seinen Erblanden und im Reich zu werben.

Fortab bemühten sich Kaiser Karl VI. (1711-1740), seine Tochter Maria Theresia (1740-1780) und deren Sohn Josef II. (1780-1790), das verödete und schwach besiedelte Land wieder zu bevölkern und eine wirtschaftlich sich selbst erhaltende „Vormauer der Christenheit“ zu errichten. Sie riefen zwischen 1722 und 1787 Kolonisten ins Land. So kamen in drei „Großen Schwabenzügen“ (1723-1726; 1763-1771; 1784-1787) und in einer Reihe kleinerer etwa 150 000 Deutsche in die nördlich des Plattensees gelegenen Gebiete des ungarischen Mittelgebirges, in die südlich des Plattensees gelegene „Schwäbische Türkei“ (Komitate Baranya/ Branau, Somogy/ Shomodei und Tolna/ Tolnau), in das Banat, die Batschka, Syrmien und Slawonien.

Die südliche Grenze der Kolonisation bildeten die Flüsse Sawe und ab Belgrad in östlicher Richtung die Donau. Die Kolonisten stammten aus Südwestdeutschland und den habsburgischen Ländern.
Zudem wurden neben den Deutschen auch ungarische, ruthenische und slowakische Bauern angesiedelt und, besonders im Banat, Serben und Rumänen aus dem türkisch dominierten Grenzland aufgenommen sowie Italiener, Franzosen und Spanier als Spezialarbeiter.
Das 19. Jh. war gekennzeichnet von einer wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung der donauschwäbischen Dorfgemeinschaften, aber auch einer starken Tendenz des städtischen deutschen Bürgertums, sich madjarisieren zu lassen. Der Madjarisierungsdruck verstärkte sich nach der staatsrechtlichen Gleichstellung Ungarns mit der österreichischen Reichshälfte im sog. 1867. Diese Umstände verwehrten den Donauschwaben die Heranbildung einer eigenständigen geistigen Führungsschicht und die Ausbildung eines starken politischen Bewußtseins. Erst 1906 gelang die Gründung der „Ungarländischen Deutschen Volkspartei“.

Obwohl von etwa 1880 bis 1910 rund 200.000 Donauschwaben aus wirtschaftlichen Gründen nach Übersee ausgewandert waren, lebten 1910 beispielsweise rund 390.000 Deutsche in 130 Gemeinden des – ungeteilten – Banat (23 Prozent der Bevölkerung), 190.000 in 44 Dörfern der Batschka (24,5 Prozent), 150.000 in der Schwäbischen Türkei (35 Prozent), 126.000 in Slawonien und Syrmien (11 Prozent) sowie 80.000 in Budapest (9 Prozent).

Die nach dem I. Weltkrieg im Vertrag von Trianon (4. Juni 1920) erzwungene Reduzierung Ungarns auf 31 Prozent seines Kernlandes ergab auch eine Dreiteilung des Siedlungsgebietes der rund 1,5 Millionen Donauschwaben auf die Nachfolgestaaten der Donaumonarchie. Das Ostbanat und Sathmar fielen an Rumänien (siehe Banater Schwaben), das Westbanat, die Batschka, das südliche Baranya-Dreieck, Syrmien und Slawonien an das neuentstandene Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS-Staat, ab Oktober 1929: Jugoslawien), die restlichen Siedlungsgebiete blieben bei Rumpfungarn (siehe Ungarndeutsche).

Die Donauschwaben und anderen Deutschen des vormaligen Jugoslawien

Neben den etwa 510.000 in der heutigen serbischen Wojwodina und im heute zu Kroatien gehörenden Slawonien lebenden Donauschwaben gerieten etwa 70.000 Altösterreicher aus der nunmehr annektierten Untersteiermark und aus Oberkrain sowie etwa 20.000 Gottscheer unter das südslawische Regime. Erfahrungen mit andersnationalen politischen Bewegungen sowie ein wachsender Überfremdungsdruck zeitigten ein erwachendes Selbstbehauptungsstreben und führten 1920 zu Gründung des Schwäbisch-Deutschen Kulturbundes“, der dreimals zeitweilig verboten wurde. Bei den Wahlen zum jugoslawischen Parlament, der Skupština, gewann die 1922 gegründete „Partei der Deutschen“ 1923, 1925 und 1927 je acht, fünf und sechs Mandate. Sie wurde aber wie alle anderen national orientierten Parteien 1929 bei der Errichtung der „Königsdiktatur“ verboten.

Im Rahmen der Bodenreform wurde Grundbesitz nur an Slawen, nicht aber an ebenso bedürftige Donauschwaben zugeteilt. Das vergebliche Ankämpfen der Führung des „Schwäbisch-Deutschen Kulturbundes“ und der donauschwäbischen Politiker gegen diese und andere Diskriminierungen führte zum Aufkommen einer unter nationalsozialistischem Einfluß stehenden Erneuerungsbewegung, deren gemäßigte Kräfte 1939 auf Druck aus Berlin die Führung des Kulturbundes übernahmen.

Nach dem Zerfall Jugoslawiens im April 1941 wurden die Donauschwaben nochmals dreigeteilt und zudem von Staats wegen verpflichtet, in den Wehrverbänden Deutschlands und/oder seiner Verbündeten zu dienen. In der Folge projizierten die im jugoslawischen Raum ab Mitte 1941 tätigen kommunistischen Partisanen wie auch die königstreuen serbischen „Tschetniks“ ihren Haß auch auf die Donauschwaben, und der kommunistische „Antifaschistischer Rat der nationalen Befreiung Jugoslawiens“ (AVNOJ) beschloß 1943 und 1944 deren völlige Enteignung und Eliminierung.

Von den 510 000 Donauschwaben, die bei Kriegsbeginn in Jugoslawien lebten, konnten Ende 1944 vor dem Einmarsch der Sowjets und der Machtübernahme der Partisanen etwas über die Hälfte der Zivilpersonen flüchten bzw. evakuiert werden. Aus Syrmien und Slawonien über 90 Prozent, aus der Batschka und dem Baranja-Dreieck rund die Hälfte und aus dem westlichen Banat nur etwa 15 Prozent. Rund 195 000 Zivilpersonen kamen unter das Tito-Regime.

12.000 Donauschwaben, darunter 8.000 Frauen, wurden 1944/1945 in die UdSSR zur Zwangsarbeit deportiert. 2000 von ihnen gingen bis 1949 zugrunde. Über 7000 Zivilpersonen wurden 1944 ermordet. Fast alle anderen 170.000 Zurückgebliebenen wurden enteignet, entrechtet und in Arbeits- sowie acht Konzentrationslagern interniert. 50 000 von ihnen sind innerhalb von drei Jahren durch Hunger, Seuchen und Erschießungen umgekommen, während 35 000 unter Lebensgefahr aus den Lagern über die nahen Grenzen nach Ungarn und Rumänien entkommen konnten. Ab 1946 wurden Tausende Kinder aus den Lagern in Kinderheime verbracht und assimiliert.

60 000 Deutsche, d. h. fast jeder/jede dritte der in der Heimat Verbliebenen wurde Opfer des kommunistischen Regimes.
1948 wurden die Lager aufgelöst.
Von den 425 000 Geflüchteten und Überlebenden haben 290 000 in Deutschland, 80 000 in Österreich und 35 000 in Übersee eine neue Heimat gefunden. Sie besitzen in Deutschland, Österreich, den USA und Kanada landsmannschaftliche Dachorganisationen.

1954 übernahm das Land Baden-Württemberg die Patenschaft über die Donauschwaben in Deutschland.

One Response to Die Donauschwaben

  1. Janos Raduka says:

    Gefällt mir sehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.