Die Deutschen in Ungarn

UngIm Mittelalter riefen die ungarischen Könige deutsche und andere westeuropäische Siedler ins Land (siehe Karpatendeutsche, Siebenbürger Sachsen usw.), auf dem heutigen ungarischen Staatsgebiet in den seit 1920 bestehenden Grenzen leben Deutsche jedoch schon seit dem 9. Jahrhundert als Ergebnis der baierischen Ostkolonisation in West-Ungarn um Ödenburg (ung. Sopron), Wieselburg (ung. Moson) und Steinamanger (ung. Szombathely), das anders als das restliche Burgenland 1920 nicht von Ungarn an die Republik Österreich abgetreten werden mußte.

Die mittelalterliche deutsche Binnensiedlung ging – vor allem in den Städten – bald im politisch dominierenden madjarischen Umfeld auf. Sozialer Aufstieg ging im ungarischen Kernland regelmäßig mit Assimilation zusammen – anders als etwa im abgelegeneren Siebenbürgen. Das sollte sich in der späteren Neuzeit, insbesondere im 19./20. Jahrhundert bei der städtischen Bevölkerung und der Intelligenz fortsetzen.

Erst im Zuge der neuzeitlichen, durch die Habsburger staatlich gelenkten Kolonisation im von den Türken seit den 1720er Jahren befreiten und zu der Zeit fast entvölkerten Land entstanden größere zusammenhängende deutsche Siedlungsgebiete wie im Ofner Bergland im Nordwesten, der Schwäbischen Türkei (ungarische Komitate Baranya/ Branau, Somogy/Schomodei, Tolna/Tolnau) zwischen Donau und Drau (siehe Donauschwaben) um Fünfkirchen (ung. Pécs), aber auch um Ofen (ung. Buda) und Pest (beide erst 1872 mit Obuda vereinigt zu Budapest) entstanden einzelne deutsche Dörfer.

Die Besiedlung erfolgte im ungarischen Kernland stetig, griff auch über den bäuerlichen Bereich hinaus und führte zur Bildung eines gewerblichen Mittelstands. Das stand aber weiterhin im Schatten andauernder Madjarisierung, was sich nach dem Ausgleich von 1867, also nach der staatsrechtlichen Gleichstellung (Alt-)Ungarns mit der österreichischen „Reichshälfte“ massiv verstärkte. Man geht davon aus, daß in den Jahren 1880-1910 durch Assimilation zwei Millionen neue Ungarn bzw. Madjaren „entstanden“, darunter 600.000 Deutsche, 700.000 Juden, 200.000 Slowaken usw. Die zum Madjarentum übergetretenen assimilierten Deutschen wurden von den hierzu nicht bereiten ungarländischen Deutschen abfällig „Madjaronen“ genannt. Zudem wanderten allein in den Jahren 1899-1913 über 200.000 Deutsche aus dem Königreich Ungarn zumeist nach Amerika aus, davon über 90.000 Banater Schwaben, 50.000 aus dem späteren „Trianon-Ungarn“ (siehe unten), also dem Kernland, 25.000 aus der Batschka usw.

Die im Ergebnis des Ersten Weltkrieges durch den Vertrag von Trianon (4.Juni 1920) erzwungene Reduzierung des Königreichs Ungarn – „Königreich“ blieb es auch ohne König bis 1944 unter dem „Reichsverweser“ Admiral Miklos Horthy – auf die dreißig Prozent Gebiet des Kernlands führte zur Zersplitterung der bisher ungarländischen Deutschen auf fünf Staaten: Jugoslawien (West-Banat, Slawonien, Süd-Batschka; siehe Donauschwaben), Rumänien (Ost-Banat, Siebenbürgen mit Sathmar; siehe jeweils dort), Tschechoslowakei (Karpatendeutsche; siehe dort), Ungarn selbst und auch Österreich (Burgenland ohne Ödenburg/Sopron).

Im durch diese vielfältigen Gebietsverluste des multinationalen Königreichs von 327.000 auf 93.000 qkm geschrumpften relativ homogenen Ungarn lebte gleichwohl immer noch eine Vielzahl nationaler Minderheiten, darunter als größte die deutsche, deren Zahl 1920 mit rund 550.000 (6,9 Prozent der Bevölkerung), 1930 mit 480.000 (5,5 Prozent) angegeben wurde. Alle anderen Minderheiten – ohne Roma – stellten zusammen nur 3,5 Prozent der Bevölkerung. Die Volksgruppe selber zählte in einer eigenen Erhebung im Jahr 1930 rund 650.000, worunter sich aber etliche „Madjaronen“ befunden haben dürften.

Einer der maßgebenden Sprecher der Deutschen in Trianon-Ungarn, Jakob Bleyer, war 1919/20 Nationalitätenminister. Doch auch unter dem autoritären Horthy-Regime wurde weiter eine massive Assimilationspolitik mit Abdrängung der deutschen Sprache aus Bildungseinrichtungen und öffentlichem Leben überhaupt, wirtschaftlicher Ausgrenzung getrieben, bezeichnenderweise mit am krassesten unter dem radikalnationalistischen und gute Beziehungen zu NS-Deutschland pflegenden Madjaronen Gyula Gömbös (eigtl. Julius Knöpfle; Ministerpräsident 1932-36). Wie andere Auslandsdeutsche gerieten unter dem Druck der inneren Verhältnisse auch die ungarländischen und ihre Organisationen in den 30er Jahren teilweise unter Einfluß der NS-Auslandsarbeit.

Von den Deutschen Ungarns fielen 32.000 als Wehrmachts- oder Honvéd-Soldaten im Krieg. Während 1944/45 noch 50.000 Ungarndeutsche vor dem Einmarsch der Sowjets evakuiert werden konnten, wurden danach 60-65.000 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert, wo tausende umkamen. Im Sommer 1945 wirkte die neue und schon teilweise kommunistische ungarische Regierung auf die in Potsdam konferierenden Haupt-Alliierten ein, sie zur Zwangsausweisung der Deutschen aus Ungarn zu bevollmächtigen. Die Vertreibung begann im Januar 1946 und betraf nur etwa die Hälfte der noch Anwesenden: 200-220.000 – ein einzigartiger Vorgang im Gesamtkomplex der Vertreibungen dieser Zeit. Verursacht wurde das Ende der Ausweisungen durch die US-Amerikaner wegen völliger Überlastung ihrer Besatzungszone. Etwa 6.000 haben die Strapazen der Transporte und vereinzelte Übergriffe nicht überlebt.

Mehrere bereits seit 1949 bestehenden Landesorganisationen schlossen sich im März 1951zur Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn zusammen. Die Patenschaft über sie nehmen die Städte Backnang und Gerlingen wahr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.