Die Deutsch-Balten

DB[4]Seit dem 12. Jahrhundert siedelten Deutsche im Gebiet der heutigen Republiken Lettland und Estland (vom historischen Livland gehört heute der nördliche Teil zu Estland, der südliche mit der Hauptstadt Riga zu Lettland). Deutsche, Missionare, Ordensritter und Kaufleute kamen im Zuge der Christianisierung der dort ansässigen Esten und Liven (mit den Finnen verwandt) und den baltischen lettischen Stämme (mit Litauern und Prußen verwandt) ins Land. Der 1202 in Riga gegründete Schwertbrüderorden ging 1236 im Deutschen Orden auf, der das gesamte Gebiet Alt-Livlands eroberte.

Das historische Livland stieg auf im Schutz der Kirche und der Hanse und gehörte fast 350 Jahre zum Hl. Römischen Reich. Als Folge der Einführung der Reformation zerfiel der Ordensstaat 1561 in die Provinzen Estland, Livland, Ösel und Kurland. In den kommenden Jahrhunderten blieben die Deutschen unter teil- und zeitweise polnischer, dänischer, schwedischer und seit 1710 (Estland und Livland) bzw. 1795 (Kurland) russischer Oberhoheit die gesellschaftlich, wirtschaftlich, kulturell und politisch führende Schicht.

Nach der Russischen Revolution 1917 und dem Zusammenbruch des Russischen und des Deutschen Kaiserreiches beteiligten sich die Deutschbalten 1918/20 aktiv am Freiheitskampf der baltischen Völker gegen die Rote Armee, in Lettland in der Baltischen Landeswehr, in Estland im Baltenregiment.

Nach Entstehung der Republiken Estland (Unabhängigkeitserklärung 24.2.1918) und Lettland (18.11.1918) büßten die Deutschen ihre Führungsrolle ein und lebten fortan als nationale Minderheiten wie auch Russen oder Juden neben den namengebenden Völkern. Ihre wirtschaftliche Stellung wurde durch weitgehende Enteignung des Großgrundbesitzes sehr geschwächt und viele, vor allem aus den ländlichen Gebieten, wanderten ins Deutsche Reich ab.

Bei den Wahlen zur lettischen Saeima (Parlament) gewannen die Deutschen zwischen 1920 und 1931 meistens sechs, bei der Wahl zum estnischen Riikogu (Staatsversammlung) zwischen 1919 und 1932 zwischen zwei und vier Parlamentsmandate. 1939 lebten in Estland noch 23.000 (zwei Prozent der Bevölkerung), in Lettland noch 64.000 Deutsche (3,2 Prozent), davon über 60 Prozent in Riga.

Infolge des Hitler-Stalin-Pakts vom 23.8.1939, der Estland, Lettland und Litauen den Sowjets auslieferte, schloß Deutschland mit Estland am 15. Oktober und mit Lettland am 30. Oktober Abkommen über die Umsiedlung der Deutschen ab. Zwar bestand theoretisch ein Optionsrecht zum Verbleib, aber angesichts der unmittelbar drohenden – und im Juni 1940 vollstreckten – sowjetischen Annexion der unabhängigen baltischen Republiken entschied sich die übergroße Mehrzahl der estländischen und lettländischen Deutschen zur Umsiedlung.

Im Spätherbst/Winter 1939/40 verließen insgesamt 13.700 Deutsche Estland und 51.000 Lettland. Bei der sogenannten „Nachumsiedlung“ im Frühjahr 1941 folgten 7.000 aus Estland und 10.500 aus Lettland. Etwa 5.000 der Nachumsiedler wurden als „Nichtdeutsche“ bezeichnet. Die Ansiedlung erfolgte in den annektierten polnischen Teilen Westpreußens und im sogenannten Warthegau. Viele tausend Deutschbalten sind im Krieg gefallen oder Opfer von Treck und Flucht geworden

Ab Januar 1945 teilten sie das Vertreibungsschicksal aller anderen Ostdeutschen. Bei Flucht und Vertreibung verlor dann fast jeder fünfte Deutsche aus dem Baltikum das Leben oder blieb bis heute vermißt.

1950 lebten in Westdeutschland über 40.000, in der DDR etwa 10.000 Deutsch-Balten, von denen viele in den folgenden Jahren nach Westdeutschland geflüchtet sind. Mehrere Tausend wanderten nach Übersee aus.

Im November 1950 trafen sich Vertreter der schon bestehenden Länderlandsmannschaften und weitere baltischer Organisationen in Treysa (Hessen) und gründeten die Deutsch-Baltische Landsmannschaft im Bundesgebiet, deren erster Sprecher, Axel de Vries, einer der maßgeblichen Verfasser der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ war.

Der langjährige 1. Vorsitzende der Landsmannschaft, Georg Baron von Manteuffel-Szoege, war als Gründer der Vereinigten Ostdeutschen Landsmannschaften 1957/ 58 einer der beiden gleichberechtigten Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen.

Heute hat die Landsmannschaft ihren Sitz in der Stadt Darmstadt, die auch seit 1962 der Pate der Deutsch-Balten ist. 1990 übernahm auch das Land Hessen eine Patenschaft über die Deutsch-Baltische Landsmannschaft.

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