„Ostpreußen ist und bleibt Faszination“

Die Landsmannschaft Ostpreußen führte in Berlin ihr 8. Deutsch-Russisches Forum durch – Das Interesse wächst

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Mehr als 60 Teilnehmer, je zur Hälfte Deutsche und Russen, trafen sich im Dietrich-Bonhoeffer-Haus zum 8. Deutsch-Russischen Forum, um sich über die Ergebnisse ihrer Arbeit und aktuelle Projekte auszutauschen. Vom 21. bis 23. Oktober hatte die Landsmannschaft Ostpreußen (LO) zu ihrer völkerverbindenen Veranstaltung nach Berlin eingeladen.

Für Brigitte Stramm, Leiterin des Forums und Vorstandsmitglied der Landsmannschaft Ostpreußen steht fest: „Ostpreußen ist und bleibt Faszination.“ Dass dem so ist, beweist das große Interesse am Deutsch-Russischen Forum, das sich von einem Kennenlern- und Austauschforum der ersten Jahre zu einem verlässlichen Netzwerk grenzüberschreitender und völkerverbindender Zusammenarbeit entwickelt hat. Gemeinsame Motivation sei es, „Historie zu bewahren, damit Leben hüben wie drüben Früchte trägt“, so Stramm. Dass die Zusammenarbeit bereits Früchte getragen hat, zeigen sowohl das große Interesse der Teilnehmer als auch die angeschobenen und teils umgesetzten gemeinsamen Projekte, von denen einige auf dem Forum vorgestellt wurden.

Stramm ging auf die Vision vom  Wiederaufbau des Berliner Schlosses ein, dessen Entwicklung sie von der Attrappe über die Planung bis zur Umsetzung aufmerksam verfolgt habe. Das Beispiel Berlin könne auch die Vision vom Wiederaufbau des Königsberger Schlosses beflügeln.

Eine Vision hatten auch die Vertreter der LO, als sie 2008 ihr erstes Deutsch-Russisches Forum in Königsberg durchführten. LO-Sprecher Stephan Grigat hob zu Beginn des diesjährigen Forums hervor, dass damals niemand wissen konnte, dass die Zusammenarbeit sich zu solch einem fruchtbaren Miteinander formen würde. Er  betonte aber auch, dass wir uns heute nicht vorstellen könnten, was in zehn Jahren sein werde. Getreu dem Motto „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, schaffe das Deutsch-Russische Forum auch in bewegten Zeiten eine Verbindung zwischen Menschen und Völkern.

Die Grüße des Bundes der Vertriebenen (BdV) überbrachte mit einfühlsamen Worten Christian Knauer, der Vorsitzende des BdV-Landesverbands Bayern.

Die reiche preußische Geschichte Berlins mit ihren kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten und  der voranschreitende Wiederaufbau des Berliner Schlosses boten einen hervorragenden Hintergrund für das diesjährige Deutsch-Russische Forum, zumal im heutigen Kaliningrad die Planungen für den Wiederaufbau des Königsberger Schlosses weitergehen.

Einer, der sich seit 23 Jahren für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses stark gemacht hat, ist Wilhelm von Boddien. Er zeigte anhand von Bildern den Fortgang der Arbeiten. Als weitere Beispiele einer gelungenen Rekonstruktion nannte von Boddien Breslau und Danzig. Für Königsberg sprach er den Forumsteilnehmern Mut zu.

Die deutsche Hauptstadt blickt auf eine reiche Geschichte zurück. So nimmt es nicht Wunder, dass auch der Veranstaltungsort geschichtsträchtig ist. Das Dietrich-Bonhoeffer-Haus spielte bei der friedlichen Revolution von 1989 eine zentrale Rolle: Hier fand damals der erste Runde Tisch der SED mit der Opposition statt.

Der CDU-Abgeordnete Philipp Lengsfeld, in dessen Wahlbezirk  „Berlin-Mitte“ das Tagungshotel liegt, sprach in seinem Grußwort die wenig bekannte Geschichte der Vertreibung der Russlanddeutschen an. Selbstbewusst regte er an, den „stolzen“ Städten Königsberg und Tilsit ihre alten Namen zurückzugeben.

Jewgenij Snegowskij, Delegationsleiter der russischen Gruppe, sprach von den Erfolgen auf dem gemeinsamen Weg. Das Forum verbinde Menschen, denen Ostpreußen ans Herz gewachsen ist. Zu den Fortschritten trage neben individuellen Enthusiasten aber auch hin und wieder der russische Staat bei. All diese kleinen und großen Schritte der Zusammenarbeit sieht Snegowskij in Anlehnung an Kant als „Oase der reinen Vernunft“.

Wolfgang Freyberg, Direktor des Kulturzentrums Ostpreußen in Ellingen, moderierte die Veranstaltung bewährt souverän. Daneben referierte er diesmal zunächst über die von ihm konzipierte Ausstellung „Tilsit – Stadt ohne Gleichen“, die in Königsberg und Tilsit gezeigt wurde und einen großen Besucherandrang verzeichnen konnte. Darüber hinaus zeichnete Freyberg den Weg von Dietrich Bonhoeffer nach, wobei er besonders dessen Visitationsreisen nach Ostpreußen als Mitglied der Bekennenden Kirche hervorhob.

Im Anschluss stellte Tatjana Urupina ihr Buch „Tilsitskije Dominanty“ vor, das die Kulturhistorikerin gemeinsam mit ihrem Mann, dem Fotografen Jakow Rosenblum, erarbeitet hat und das bereits in dritter Auflage vorliegt.

Ein unbestreitbarer Höhepunkt der Veranstaltung war der Vortrag von Piotr Kuroczynksi vom Herder-Institut in Marburg. Der Architekt beschäftigt sich seit Jahren mit 3-D-Rekonstruktionen. Sein laufendes Projekt dient unter anderem der Sicherung digitaler Daten, damit sie nicht im „Daten-Friedhof“ verloren gehen. Ziel ist es aber auch, verloren gegangene Kulturschätze virtuell zu rekonstruieren und sie so für die Nachwelt zu erhalten. Am Beispiel von Schloss Schlobitten, dessen 3-D-Rekonstruktion ein Nachkomme in Auftrag gegeben hatte, erläuterte Kuroczynski, welcher Aufwand betrieben werden muss, um am Ende in einer 3-D-Animation durch die wiedererstandenen Räume zu „wandern“. Für solch eine Arbeit ist das Studium unterschiedlicher Quellen vonnöten. Anschließend werden alle Informationen miteinander verbunden, neben Historikern werden auch Kulturhistoriker, Augenzeugen und Architekten mit einbezogen. Zurzeit arbeiten Wissenschaftler an der Vernetzung vorhandener Datenbanken. Nach Fertigstellung des Projekts sollen Internetnutzer die Möglichkeit haben, alle Informationen zu Bauwerken abrufen zu können, inklusive Filmsequenzen der Interviews mit Augenzeugen.

In seiner Funktion als Stiftungsrats-Mitglied referierte Stephan Grigat über Planung und Entstehung der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ (SFVV). Er spannte den Bogen vom Nachkriegsdeutschland, als das Thema Flucht und Vertreibung tabu war, über die Renaissance der Vertriebenenfrage in den Jahren 1989/90, als erstmals darüber diskutiert wurde, ein sichtbares Zeichen gegen Vertreibungen zu setzen, bis in die Gegenwart. Lange Zeit gab es endlose Diskussionen um den Inhalt der Stiftung, in denen man sich schließlich auf den Kompromiss einigte, dass der Fokus der Stiftung nicht nur den Deutschen gelten solle. Streit gab es auch um die personelle Besetzung, vor allem um die damalige BdV-Vorsitzende Erika Steinbach als Vertreterin der deutschen Vertriebenen. Dennoch hat sich das lange Ringen schließlich gelohnt: Kürzlich wurde im Deutschlandhaus, das mit großzügigen Mitteln der Bundesrepublik Deutschland umgebaut wird, um künftig die Ausstellung der SFVV zu beherbergen, Richtfest gefeiert. Mitte 2019 soll die Ausstellung eröffnet werden.

Das Beispiel der SFVV zeigt, wie wichtig es ist, auch bei größeren Schwierigkeiten an Visionen festzuhalten und „dran zu bleiben“, damit diese Wirklichkeit werden können.

Dran bleiben wollen auf jeden Fall auch die Teilnehmer des Deutsch-Russischen Forums. Zwischen den Programmpunkten hatten sie Gelegenheit, sich auszutauschen. Dabei blieb es nicht aus, dass Sorgen bezüglich der derzeitigen politischen Eiszeit zwischen Russland und Europa und den USA zur Sprache kamen. In einem waren sich alle einig: „Wir werden weiter zusammenarbeiten und unsere Freundschaft pflegen.“

Manuela Rosenthal-Kappi auf Ostpreussen.de

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