Von Schlesien nach Westfalen

Vor 70 Jahren wussten Mutter Agnes und die Kinder Ewald, Max, Josef und Gretel Olbrich nicht, wo Ascheberg liegt. Am 29. März 1946 aus der schlesischen Heimat Markgrund vertrieben, befanden sie sich auf einer Fahrt ins Ungewisse, die am 9. April 1946 in Ascheberg endete. Ewald hat die Zeit nach Tagebucheinträgen seiner Mutter Agnes zu Papier gebracht.

Man schreibt den 28. März 1946, ein Donnerstagnachmittag. Letzte Schneereste liegen noch auf den Feldern. Ein Fahrzeug mit polnischer Miliz besetzt, bringt die Nachricht: Morgen, Freitag, müssen wir fort. Nur fort, wohin weiß niemand. Am gleichen Nachmittag um 16 Uhr ist unsere letzte Bittandacht in der St. Anna Kapelle in Markgrund. Sehr oft haben wir in den Kriegsjahren hier gebetet, Unsere Mutter, Agnes Olbrich, ist die Letzte, die immer vorgebetet hat. Geschlafen haben wir in der Nacht kaum, denn unsere Mutter muss ja entscheiden, was mitgenommen werden soll. Was nimmt man mit, wenn man mit vier Kindern das Haus verlassen muss, wird sich unsere Mutter gefragt haben. Was können schon 14-, zehn-, neun- und fünfjährige Kinder tragen? Nicht sehr viel. Auch glauben wir damals nicht an etwas Endgültiges, waren wir doch schon mal im Juni 1945 aus unseren Häusern vertrieben worden und nach zwei Tagen wieder daheim.

Die tollsten Gerüchte kreisen damals durch den Ort, unter anderem: Alle jungen Männer, und dazu werde ich auch schon gezählt, sollten nach Russland verschleppt werden. Mein 19-jähriger Vetter, ein 16-jähriger Nachbar und ich wollten über die Grenze in die CSSR flüchten. Der Großvater des Nachbarn, Franz Herzig, verhindert den Plan und meint, wir sollten doch alle zusammenbleiben. Unsere Tante, Klara Ludwig aus Oberschlesien, ist zurzeit bei uns. Sie liegt krank im Bett, muss aber mit uns das Haus verlassen und findet Aufnahme bei der Nachbarin Frau Pelchen. Sie darf mit ihrer Familie zurückbleiben, da die älteste Tochter im Krankenhaus Neurode beschäftigt ist. Mit uns wird auch das Vieh aus den Ställen geholt und die Türen werden versiegelt.

Zu Fuß geht es mit einem Leiterwägelchen und einem Kinderwagen in das zwölf Kilometer entfernte Neurode. Dort werden wir in offene Güterwagen verladen und es geht zum Hauptbahnhof Glatz. Am Bahnhof müssen wir bis 2 Uhr nachts stehen und werden dann zum Finanzamt geleitet. Dort bekommen wir ein Plätzchen in der Rotkapelle zugewiesen. Sofort wird auf dem Fußboden ein Lager gemacht und geschlafen. Morgens werden wir wach durch lautes Beten. In unserem Schlafraum werden drei Heilige Messen gefeiert, die letzte von unserem Pfarrer Brauer aus Königswalde. Von der polnischen Behörde bekommen wir die Genehmigung, aus unserem Haus noch Betten und Wäsche zu holen. Mein Cousin Willi Graner, meine Cousine Elfriede Graner, meine Mutter und ich machten uns am Sonnabendabend auf den Weg nach Markgrund. Das sind circa 30 Kilometer. Wie wir das geschafft haben, weiß ich später nicht mehr. Wir verschaffen uns Einlass zu unserem Haus, indem wir eine Fensterscheibe zerschlagen. Es dauert gar nicht lange, und wir sind von Polen umringt. Nur aufgrund unserer Bescheinigung dürfen wir die Sachen mitnehmen. Zurück geht es zu Fuß nach Neurode, von dort mit der Bahn nach Glatz.

Am Montagnachmittag (1. April 1946) geht der Transport um 17 Uhr vom Hauptbahnhof Glatz ab. Der Güterzug hat 55 Waggons mit jeweils 34 Personen. Wir fahren in Richtung Kamenz, das bedeutet für uns, nach Osten, nach Russland. An Marschverpflegung gibt es in Glatz für sechs Personen ein Brot und einen Hering. In der Nacht hält der Zug auf einem Bahnhof. Wir fragen den Eisenbahner nach dem Ort. Es ist Königszelt. Bei Tagesanbruch passieren wir die Städte Jauer und Liegnitz. Dort sehen wir die ersten Kriegsschäden und viele russische Soldaten. In der Stadt Kohlfuhrt haben wir einen längeren Aufenthalt.

Von dort geht es am Mittwochmorgen (3. April 1946) um 7 Uhr weiter. Wir freuen uns, denn die Richtung hat sich geändert. In Kohlfuhrt bekommen wir Verpflegung. Für sechs Personen ein Brot, für alle 34 Personen ein achtel Liter Öl, ein viertel Pfund Kaffee, etwas Salz und Zucker. Ein Kind wird an diesem Morgen vom Zug überfahren. Während der Fahrt weiß plötzlich jemand, dass wir die Grenze überschritten haben, die Oder-Neiße-Grenze, und wir in der russischen Zone sind. Bei Wittenberg stirbt abends eine Frau Teuber aus Dintergut. Die Tote wird zurückgelassen, die Angehörigen müssen die Reise fortsetzen. Die Fahrt geht über Hoyerswerda, Magdeburg, Helmstedt.

Der Zug wird auf ein Nebengleis abgestellt. Wir kommen in das Lager Mariental. Das Erste, was man mit uns macht, ist die Entlausung und Registrierung. Die Verpflegung ist aber schon viel besser und das hebt die Stimmung. Wir bekommen für uns sechs Personen, denn es ist auch unsere Cousine Hilde Ludwig, welche das Landjahr bei uns geleistet hat, bei uns, fünf Liter Suppe. Für unsere kleine Schwester gibt es einen halben Liter süße Grießsuppe, Eineinfünftel Kommissbrot, ein Viertel Pfund Butter und drei Viertel Pfund Wurst. Am Donnerstagmorgen (4. April 1946) geht es weiter in Richtung Braunschweig, Hannover, Ahlen. In der Nacht kommen wir in Ahlen an und werden im Schützenhof untergebracht.

Montags (8. April 1946) werden wir mit etlichen Familien in einen Viehtransporter mit Anhänger verfrachtet und es geht nach Ascheberg. Im Saale Klaverkamp wird übernachtet, das erste Mal auf Strohunterlagen. Dort haben wir die erste Begegnung mit dem DRK, zwei Rotkreuz-Helferinnen betreuen uns und verteilen reichlich Milchsuppe. Enttäuscht sind wir allerdings, als wir in die Kirche wollen, denn sie ist verschlossen.

Am anderen Morgen, es ist Dienstag (9. April 1946), werden wir von einem Pferdegespann abgeholt. Es ist der Verwalter von Mersmann, Franz Frenster. Wenn er mit uns in seinem Münsterländer Dialekt spricht, verstehen wir kein Wort. Wir sind sehr gespannt, wo wohl die einzelnen Familien abgeladen werden. Wir werden immer stiller, den Kirchturm sehen wir nicht mehr und wir sind fast allein auf dem Wagen. Der Weg führt durch ein Wäldchen und vor uns liegen zwei große Höfe. Das wird unser Ziel, denken wir. Als uns aber der Kutscher sagt, auf den ersten Hof kommt unsere Tante Ida Graner mit Familie, sind wir enttäuscht. Wir haben nicht damit gerechnet, in das entlegenste Haus zu kommen. Aber es hat sich für uns gelohnt, denn als wir auf den Hof kommen, sind wir nicht mehr allein. Wie zu einem Empfang ist die Familie Stummann erschienen. Voran der Bauer Karl Stummann mit seiner Frau Gertrud, Tante Änne Surmann und der Knecht Rudi. Mit freundlichen Worten werden wir ins Haus gebeten. Der Hoferbe Paul Stummann liegt wegen einer Kriegsverwundung in der Hautklinik Münster, die vorübergehend in Ascheberg untergebracht ist. Ihm hat man geraten, schnell nach Hause zu fahren, da sonst wohl sein Zimmer belegt würde. So finden wir ganz schnell ein neues Zuhause. Jeder lernt viel vom anderen. Es dauert nicht lange und die Familie Stummann isst mit uns schlesische Klöße.

Nur das Heimweh macht besonders den älteren Menschen viel zu schaffen. So mancher stirbt in der Fremde, der nie die Hoffnung aufgegeben hat, in die geliebte Heimat zurückzukehren. Wir Kinder kennen kein Heimweh, denn zu viele neue Eindrücke beschäftigen uns. Mit einem großen Problem muss unsere Mutter fertig werden, ist sie doch allein mit der Sorge um ihre vier Kinder. Unser lieber Vater kommt erst am 15. Mai 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft. Eine Familiengemeinschaft sind wir da schon nicht mehr, das erste Kind ist schon aus dem Haus gegangen.

Sicher zur Freude der Eltern bleiben wir Kinder in der Nähe. 14 Jahre wohnen wir bei der Familie Stummann, schon ein Zeichen von beiderseitigem Verständnis. Jedes der Geschwister hat sich etwas geschaffen, mit großer Unterstützung der Eltern.

Was ist von der Heimat geblieben? Heimweh, Erinnerung und von Zeit zu Zeit ein Besuch in Markgrund, gelegen im schönen Glatzer Bergland.

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