Ruth Geede feiert ihren 100. Geburtstag

Ruth Geede, die »Mutter der Ostpreußischen Familie«, vollendet am 13. Februar ihr 100. Lebenjahr

Image635909883251039184Das Erscheinungsdatum dieser PAZ-Ausgabe könnte passender nicht sein: Es ist der Tag vor dem 100. Geburtstag ihrer ältesten – sowohl was das Dienstalter als auch die Lebensjahre angeht – Mitarbeiterin Ruth Geede. Aus diesem Anlass wird hier auf einige Stationen aus dem Leben der immer noch aktiven PAZ-Mitarbeiterin zurückgeblickt.

„Ach Jottche, ach Jottche, e Kopp wie e Saatkartoffelche“, rief der Onkel aus, als er das Baby Ruth zum ersten Mal zu sehen bekam. Niemand hätte damals damit gerechnet, dass das Frühchen überhaupt eine Überlebenschance hätte und schon gar nicht damit, dass aus ihm einmal eine erfolgreiche Schriftstellerin werden würde, die im stolzen Alter von 100 Jahren immer noch am Schreibtisch sitzt, um Woche für Woche die Zeilen ihrer eigenen Rubrik „Ostpreußische Familie“ im Ostpreußenblatt zu füllen und damit Menschen aus aller Welt, die sich mit ihren Fragen nach Ostpreußen an sie richten, zu helfen.
Als Ruth Geede am 13. Februar 1916 als Sechseinhalb-Monats-Kind viel zu früh in Königsberg das Licht der Welt erblickte, war Krieg. Trotz des Hungerswinters gelang es der Mutter, das nur 36 Zentimeter große Baby ohne Brutkasten durchzubringen. Ihre frühe Kindheit schildert Ruth Geede als wunderbare Zeit. Während einst Bundeskanzler Helmut Kohl das Wort von der „Gnade der späten Geburt“ prägte, spricht Ruth Geede von der „Gnade der frühen Geburt“. Damit meint sie, dass ihr die Gnade einer Kindheit voller Liebe zuteil geworden ist, aber auch, dass sie als fünftes und jüngstes Kind verwöhnt wurde. Die Mutter erzählte ihr Geschichten auf der Ofenbank sitzend und weckte so schon früh die Liebe ihrer Tochter zur Literatur und zum Erzählen. Als Gnade sieht die spätere Schriftstellerin es aber auch, dass sie eine Welt erleben durfte, die sich von unserer heutigen schnellebigen so grundlegend unterscheidet. Als Ruth Geede Kind war, rollten noch Bauernwagen durch Königsberg, um ihre Erzeugnisse dort zu verkaufen, Fischer vom Haff brachten ihre Fänge auf den Fischmarkt. Auf diese Erlebnisse konnte Ruth Geede später zurückgreifen. Sie beeinflussten ihre zahlreichen Bücher. Schon in jungen Jahren verfasste sie Gedichte, eines davon ist die „Ovenbank“ auf Platt.
In ihrem weltoffenen Elternhaus – Vater Emil war Quästor an der Königsberger Universität Albertina, Mutter  Maria geborene Reinecker entstammte einer schweizer Exulantenfamilie – verkehrten interessante Menschen. Persönlichkeiten der ostpreußischen Gesellschaft, aber auch Reisen nach Insterburg oder auf die Kurische Nehrung, prägten die junge Ruth Geede. So lernte sie früh das Land kennen, was ihr bei ihrer späteren Arbeit für die „Ost-preußische Familie“ zugute kam.
Prägend wurden für Geede vor allem auch die Begegnungen mit der bekannten ostpreußischen Dichterin Agnes Miegel. Die erste erlebte sie gar nicht mal bewusst, denn da war sie erst sechs Jahre alt. Sie durfte ihren Vater häufig in die Universität begleiten und so sah sie die Dichterin im Säulengang der Albertina anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Agnes Miegel. Bei einer späteren Begegnung ermunterte Miegel das Nachwuchstalent zum Schreiben. „Schreiben Sie, Kind, schreiben sie. Das ist gut!“, sagte sie. Miegel wurde zu Geedes Mentorin. Beide arbeiteten bis zur Flucht in Königsberg. Nach dem Krieg hielten sie Kontakt und Ruth Geede besuchte Miegel öfter in ihrem Wohnort Bad Nenndorf. Ruth Geede schrieb die Laudatio zu Miegels 70. Geburtstag. Dem Schreiben und den schönen Künsten war die junge Geede zugetan, der Schule jedoch weniger. Sie besuchte das Bismarck-Oberlyzeum. Sie sang im Hartungschen Chor der Singakademie, las begeistert die Bücher ihrer älteren Geschwister, darunter zahlreiche Klassiker.
Die  größte Zäsur im Leben der Jubilarin brachte der Zweite Weltkrieg und damit der Verlust der Heimat Ostpreußen. Ihre abenteuerliche Flucht zu schildern würde Seiten füllen. Sie verlief im Zickzack und wie bei ihrer Geburt muss ein Schutzengel ihr zur Seite gestanden haben, der sie und ihre Familie vor dem Schlimmsten bewahrte. In Dahlenburg fand sie ein neues Zuhause.
Von 1945 bis 1948 arbeitete Ruth Geede als Bibliothekarin, was sie aber nicht von ihrer großen Leidenschaft, dem Schreiben, abhalten konnte. In dieser Zeitspanne schrieb sie Schauspiele für Kinder und gab das Kinderjahrbuch „Das Karussell“ heraus. So setzte sie ihr schriftstellerisches Werk fort, das 1935 mit dem „Lävensstruuß“ in Königsberg begonnen hatte, einem Buch mit plattdeutschen Sagen und Geschichten, das später in einem Gesamtwerk von über 50 Büchern mit Lyrik, Prosa, Hörspielen, Bühnenstücken und Reiseführern mündete. Schon als 17-Jährige hatte Ruth Geede, nachdem sie mutig vorgesprochen und ein selbst geschriebenes Märchen eingereicht hatte, beim Reichssender Königsberg die „Kunterbunte Kinderstunde“ mitgestaltet.
Nach der Flucht in Dahlenburg gelandet, hieß es zunächst einmal, kleine Brötchen backen. 1948 begann Geede ein Volontariat bei der Landeszeitung Lüneburg, für die sie später viele Jahre aus Hamburg berichtete. 1955 heiratete sie Guenter Vollmer-Rupprecht, einen Deutschen aus Chile, einen Exportkaufmann, der als Reise- und Wirtschaftsjournalist arbeitete. Beide gründeten ein Redaktionsbüro in Hamburg. Es erschienen viele journalistische Arbeiten unter ihrem Ehenamen Vollmer-Rupprecht. Als Schriftstellerin verwendete sie jedoch weiterhin ihren Mädchennamen Geede.
1979 übernahm Ruth Geede die Rubrik „Ostpreußische Familie“ von ihrer Vorgängerin Ruth Maria Wagner, die ebenfalls aus Königsberg kam. Sie war es, die ihre Kollegin Anfang der 50er Jahre zum Ostpreußenblatt brachte. Ursprünglich eine Art Schwarzes Brett, entwickelte sich aus der „Familie“ eine wichtige Institution, an die sich schon Suchende aus aller Welt gewendet haben. Sie ist gleichsam zu einem Forum eines Volksstammes geworden. Mit preußischer Disziplin und Leidenschaft bearbeitet Ruth Geede seitdem jede noch so aussichtslos erscheinende Anfrage ihrer Leser. Die Erfolge ermutigten sie, auch weit übers Rentenalter hinaus weiterzumachen. An ein Ende ist noch lange nicht zu denken. Die Leser danken es ihr. Sie nennen die vielfach ausgezeichnete Journalistin und Schriftstellerin liebevoll „Mutter der ostpreußischen Familie“. Eine ähnliche Huldigung wurde zuvor nur Agnes Miegel zuteil. Ruth Geede verkörpert bis heute Ostpreußen und seine Menschen. Ihr Verdienst ist es, unzählige Wünsche erfüllt zu haben, Menschen zusammenzubringen, aber auch alte Bücher, vergessene Gedichte und Lieder wieder zu entdecken.
Belohnt für ihren Einsatz wurde Ruth Geede neben dankbaren Leserzuschriften und vollen Lesungen auch mit zahlreichen Aus-zeichnungen: 1985 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Der Preußenschild, die höchste Auszeichnung der Landsmannschaft Ostpreußen, wurde ihr im Jahr 2000 auf deren Deutschlandtreffen in Leipzig verliehen.
Dass sie nun das biblische Alter von 100 erreicht, kann Ruth Geede selber noch gar nicht fassen. Was sie sich noch wünscht? Ihr größter Traum ist es, das Buch „Das Saatkartoffelchen“ noch fertig zu schreiben, ein Buch über ihre Kindheit in Königsberg in den 20er und 30er Jahren. Doch da steht ja noch die wöchentliche „Familie“ an. Unabhängig davon, ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, steht jetzt schon fest: Der Name Ruth Geede ist in den Anthologien neben bedeutenden Ostpreußen wie Alfred Brust, Lovis Corinth, Simon Dach, E.T.A. Hoffmann, Agnes Miegel, Louis Passarge, Arno Surminski und vielen anderen zu finden. Für viele PAZ-Leser ist Ruth Geede heute schon eine lebende Legende.  

Ein Artikel der Preußischen Allgemeinen Zeitung

"Ruth Geede feiert ihren 100. Geburtstag", 5 out of 5 based on 2 ratings.
Tagged , , , . Bookmark the permalink.

One Response to Ruth Geede feiert ihren 100. Geburtstag

  1. Tom Orden says:

    Herzlichen Glückwunsch nachträglich.
    Eine gute Autorin; ich lese die PAZ auch ihretwegen sehr gerne.
    Alles Gute.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.