„Brot gab es für Flüchtlinge oft nicht“

Irene Kühn vor ihrer Flucht im Jahr 1943

Irene Kühn vor ihrer Flucht im Jahr 1943

Irene Kühn musste im Jahr 1945 aus Rastenburg (heute: Ketrzyn) in Ostpreußen fliehen. Rastenburg wurde im Januar 1945 von der Roten Armee eingenommen und fiel an Polen. Ihr Sohn Reinhart war während des Zweiten Weltkrieges bei der Marine. 1945 wurde sein Bataillon nach Berlin befohlen und Kühn geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung arbeitete er zunächst auf einem Gutshof in Groß Lobke bei Hannover. Über Verwandte trafen sich Mutter und Sohn dort wieder. Später studierte Kühn Wasser- und Hafenbau. Nach einer zwanzigjährigen Tätigkeit in Hamburg verschlug es den Diplomingenieur aus beruflichen Gründen nach Cuxhaven, wo er bis heute lebt.

„Im August müssen mehrere Häuser in der Nachbarschaft plötzlich geräumt werden. Die Leute können nur etwas mitnehmen, in einer halben Stunde müssen sie aus dem Haus sein. Wann kommen wir dran? Ich verkaufe einen Wintermantel für 500 Zloty. Unser Transport soll morgen gehen. Von dem Geld, das ich für den Mantel bekam, kaufe ich Proviant. Wir sollen so viel von unseren Sachen mitnehmen, wie wir können, nur keine Möbel. Auf dem Bahnhof bekommen wir ein halbes Brot und werden auf schmutzige Güterwaggons verteilt.

Abends kommen wir in Allenstein (heute: Olsztyn) an und müssen unser ganzes Gepäck ausladen. Kaum liegt es auf dem Bahnsteig, stürzen sich Russen auf unsere Sachen und reißen uns die Säcke weg. Wir müssen die Nacht auf dem Bahnsteig verbringen.

Jede Nacht Plünderungen

Familie Kühn feiert das letzte gemeinsame Weihnachten in Rastenberg (Ostpreußen).

Familie Kühn feiert das letzte gemeinsame Weihnachten in Rastenberg (Ostpreußen).

Am Morgen steigen wir in den nächsten Zug. Gleich hinter Allenstein beginnt die Plünderei. Polen steigen ein und werfen Gepäckstücke heraus, wo andere Polen warten. Der Kommandantenwagen ist neben uns, daher werden wir nicht belästigt. In Stargard bleiben wir drei Tage auf dem Güterbahnhof liegen, jede Nacht kommt es zu Plünderungen.

Unser Brotvorrat geht zur Neige. Einige von uns gehen in die Stadt und kaufen ein zu enormen Preisen. Waschen könnten wir uns nur unter enormen Schwierigkeiten, also lassen wir es. In Pasewalk hieß es: ‚Alle nach Berlin aussteigen.‘ Ich wollte aber nach Lübeck, denn das war das nächste für mich nach Hamburg. Nun stehe ich da mit meinen Sachen und weiß nicht wie ich sie fortbringen soll. Ich frage einen deutschen Soldaten, ob er für ein Paket Tabak meine Sachen tragen will und er nimmt mit Freuden an.

Wir liegen auf unseren Säcken im Wartesaal. Zu essen gibt es nichts. Beim Kommandanten werde ich angeschnauzt und aus dem Zimmer geworfen. Also muss ich doch erst nach Berlin. Beim Roten Kreuz lasse ich mir einen Teller Suppe geben. Außerdem bekomme ich Brotmarken, aber alles ist ausverkauft. Abends fährt der Zug nach Berlin ab. Er ist so voll, dass man nicht mal auf dem Gepäck sitzen kann.

Wir kommen am Lehrter Bahnhof an, der vollkommen kaputt ist. Das erste was dort gemacht wird, ist das Entlausen, obwohl ich keine Läuse habe. Erst dann kann man Essen oder Kaffee holen. Nach sehr langem Warten gibt es eine gute Suppe, nur zu wenig davon, und eine Scheibe Weißbrot. Ich übernachte im Tagesraum, auf einem Stuhl sitzend. Am Tag darauf hole ich meine Alliiertenpapiere. Nur damit kann man in die englische Zone einreisen und so steigt meine Hoffnung, endlich nach Hamburg zu kommen.

Doch der Transport am nächsten Tag wird abgesagt. Ich schlafe jetzt auf dem Korridor, da die Zimmer überfüllt sind. Es ist sehr kalt und zugig und auch der Korridor ist ziemlich belegt. Das Leben im Lager ist schlimm. Viele Leute stehen schon nachts um ein Uhr auf, um die ersten beim Essensmarken holen zu sein. Sonst bekommt man erst abends etwas.

Eine Woche später gibt es immer noch keine Aussicht fortzukommen. Das Lager wird wegen Seuchengefahr gesperrt. Heraus geht es nur mit einem Spezialausweis, doch der ist schwer zu bekommen.

Endlich kommt die Nachricht, dass ich auf der Liste für den nächsten Transport stehe. Mit dem Auto geht es zum Güterbahnhof Grunewald, wo wir in den Zug nach Lehrte steigen. Dort angekommen, muss ich im Bahnhofsbunker übernachten. Es soll Essen geben und da ich sehr hungrig bin, stelle ich mich in die unendliche Schlange.

Nach zweistündigem Warten heißt es, die Erbsensuppe sei alle, es gäbe nur noch kalte Verpflegung. Mir wird schon schwarz vor Augen. Kurz bevor ich an die Reihe komme, ist auch die kalte Verpflegung zu Ende. Ein Fräulein, das Mitleid mit mir hat, gibt mir ein Stück Knäckebrot. Später erhalte ich von meiner Sitznachbarin ein viertel Brot, worüber ich sehr froh bin.

Am nächsten Morgen geht ein Transport nach Hamburg. Ich versuche mitzukommen, aber er ist schon überfüllt. Also mache ich mich auf den Weg zu meinen Verwandten, die in der Nähe von Hannover leben.

Ich werde sehr lieb empfangen und als ich erzähle, dass ich von der ganzen Familie nichts weiß, erfahre ich, dass Reinhart ganz in der Nähe auf einem Gut in Groß Lobke arbeitet. Gleich nach seiner Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft habe er sich dazu entschlossen. Ich telegrafiere gleich an meinen Sohn und zwei Tage später ist die Wiedersehensfreude groß.

Trauriges Weihnachten

Ich möchte nach Groß Lobke ziehen und muss dafür erst nach Hildesheim fahren, um eine Bescheinigung zu holen. Das erste Stück zum Gut fahre ich mit der Bahn, dann muss ich eineinhalb Stunden mit dem schweren Gepäck zu Fuß gehen.

Abends kommt Reinhart und stellt mir das Bett auf, das ich von den Nachbarn bekam. Am Tag danach holen wir etwas Buchenholz, das der Bürgermeister mir bewilligt hat. Doch das Holz ist feucht, das Feuer will nicht recht brennen.

An Heiligabend kommt Reinhart zu mir. Ich habe ein kleines Bäumchen, doch es ist ein trauriges Weihnachten. Hoffentlich bringt uns das neue Jahr unsere Lieben zurück.“

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One Response to „Brot gab es für Flüchtlinge oft nicht“

  1. Waffenstudent says:

    GUSTLOFF – STEUBEN – GOYA – CAP ARKONA ÜBER 20.000 TOTE FLÜCHTLINGE

    Gustloff (30. Januar 1945) – 10.000 Tote
    Steuben (10. Februar 1945) – 3.200 Tote
    Goya (16. April 1945) – 8.000 Tote
    Cap Arkona (3. Mai 1945 ) – 3500 Tote

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