Die unglaubliche Flucht der Traudl Scholz

Mit 19 muss sie mit ihrem Vater Hals über Kopf Ostpreußen verlassen. Zehntausende sterben. Sie aber findet in Aichach eine neue Heimat. Wie Traudl Scholz das Chaos überlebte.

Image635710215695260888Die schmucke Kleinstadt Rößel in Ostpreußen, der gepflegte Marktplatz, der zentral gelegene Lebensmittelgroßhandel des Vaters – „Not haben wir nicht gekannt“, erinnert sich Waltraud Scholz, die alle nur Traudl nennen. Als junge Frau hatte sie noch 1944 ein Sportstudium im einst prächtigen Königsberg aufgenommen. Sie hatte sich verliebt und schließlich verlobt.

Doch dann kommt der 28. Januar 1945 – ein Datum, das fast alle Lebenslinien der damals 19-Jährigen wie mit einem Axthieb durchtrennen sollte. An diesem Tag bricht unvermittelt und mit voller Wucht ein unbeschreibliches Chaos los. Es beginnt die unglaubliche Flucht der Traudl Scholz, eine Odyssee, die in Rößel, südöstlich von Königsberg, beginnt und im damals oberbayerischen Aichach endet.

1945: Die russische Armee marschiert nach Ostpreußen

Doch was heißt unvermittelt? Kommt die russische Armee in den Wintertagen des Jahres 1945 nicht unaufhaltsam näher und näher? „Es stimmt, wir waren sehr naiv. Mein Vater konnte sich bis ganz zum Schluss nicht vorstellen, dass wir wegmüssen aus der Heimat“, sagt Traudl Scholz. Ihre Gutgläubigkeit kann sie sich bis heute nicht erklären. Immerhin war ja – außer den ganz verblendeten Nazis vielleicht – allen klar, dass das Deutsche Reich den Krieg verlieren würde.

Wusste man Bescheid in Rößel über die Verbrechen der Nazis, über Erschießungen, über den Massenmord an den Juden? „Ich hatte keine Ahnung, aber mein Vater hatte wohl einiges gehört.“

Obwohl die Russen bereits in Ostpreußen stehen, hat der ostpreußische Gauleiter Erich Koch ein strenges Fluchtverbot verhängt. Wer dies öffentlich kritisiert oder Vorbereitungen für den Weg nach Westen trifft, riskiert, wegen Defätismus angezeigt zu werden. Es kommt sogar zu Todesurteilen.

Image635710216029289994Auf der anderen Seite greift in der Bevölkerung eine lähmende Angst vor der Rache der Russen um sich. Eine Angst, die begründet ist. Denn viele sowjetische Soldaten, die Angehörige und Freunde verloren haben, brennen darauf, Leid und Terror, den Überfall der Wehrmacht und die deutsche Besatzung zu rächen.

Als es schon fast zu spät ist, als viele Ostpreußen bereits von russischen Truppen eingekesselt sind, gibt die Gauleitung das Signal zum Aufbruch. Statt einer geordneten Räumung der Gebiete folgen Panik und Chaos. Tausende sterben auf der Flucht, andere sind dem Furor der Russen schutzlos ausgeliefert.

„Als mein Vater sich endlich entschieden hatte zu fliehen, standen die Russen nur fünf Kilometer vor Rößel. Wir hörten die Geschütze, dann wurde auch schon die Stadt beschossen.“ Kopflos werden einige wenige Sachen zusammengeklaubt und die Pferde angespannt. „Wir dachten ja, dass wir in einigen Tagen oder Wochen wieder zurückkommen würden.“

Anfangs helfen sich die Leute noch gegenseitig. Später – bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad – herrscht fast nur noch eine Rette-sich-wer-kann-Mentalität. „Die Erinnerung daran, wie Menschen in einer solchen Situation angesichts des Leides anderer abstumpfen, erschüttert mich noch heute.“

Schließlich gelingt es Traudl Scholz und ihrem Vater – ihre Mutter ist schon gestorben, als sie ein kleines Mädchen war – , sich bis an das Ufer des Frischen Haffs durchzuschlagen. Die ausgedehnte, zum offenen Meer durch einen vorgelagerten Küstenstreifen abgetrennte Brackwasserfläche ist das einzige Schlupfloch, um aus dem immer enger werdenden Kessel der Sowjetarmee zu entkommen. Für viele Ostpreußen wird das zugefrorene Haff jedoch zur tödlichen Falle. Das Eis trägt nicht überall, Menschen und Tiere brechen ein. Tiefflieger greifen die Trecks immer wieder an: „Viele verwundete und sterbende Menschen säumten diesen Elendweg. Kaum jemand kümmerte sich um sie.“ Traudl Scholz immerhin überwindet ihre aufsteigende Gleichgültigkeit und nimmt ein kleines Mädchen mit, das zitternd neben seiner toten Mutter kauert. Sie wird es später dem Roten Kreuz übergeben. Jetzt aber zweifelt auch der Vater an der Rettung: „Marjellchen, ich glaube, das schaffen wir nicht mehr“, sagt er und nimmt die Tochter in den Arm. Doch der Selbsterhaltungstrieb ist stärker: Nach quälenden Stunden – sie weiß heute nicht mehr, ob das Martyrium ein oder zwei Tage dauerte – und am Rande der Erschöpfung erreichen die beiden festen Boden

Über Danzig geht es weiter in die pommersche Stadt Stolp. Zum ersten Mal begegnet den Flüchtlingen „ein Hauch von Organisation“. Ein Lastwagen bringt Vater und Tochter nach Stettin, von dort geht es mit dem Zug in das weitgehend zerstörte Berlin.

Für viele Flüchtlinge ist das die Rettung. Nicht aber für Traudl Scholz. Denn während der Vater zu Traudls Schwester ins thüringische Schwarzburg bei Saalfeld fährt und in Sicherheit ist, wartet sie in Berlin auf eine Nachricht von ihrem Verlobten. Der Offizier ist in Potsdam stationiert. Doch bevor Traudl zu ihm Kontakt aufnehmen kann, hat er sich freiwillig an die Front in seiner Heimat Schlesien gemeldet.

Sie beschließt, ihm zu folgen. Mit dem Zug gelangt sie nach Dresden. Doch vor der völlig verwüsteten Stadt ist Endstation. Dann der auf den ersten Blick wahnwitzige Entschluss: zu Fuß ins Schlesische nach Hirschberg zur neuen Dienststelle des Verlobten zu gehen – also wieder in Richtung Osten. Den Russen entgegen! „Ich hatte, nach allem was ich erlebt hatte, keine Angst mehr. Die Menschen im Flüchtlingsstrom, der sich mir aus dem Osten entgegen schleppte, schüttelten bei meinem Anblick nur fassungslos den Kopf – und das mit Recht“, erzählt die 90-Jährige. Doch sie schafft es, findet in Hirschberg ihren zukünftigen Mann Leopold. Allerdings liegt er verwundet in einem Lazarett. Immerhin, sie haben sich gefunden.

Die Freude währt nur kurz, denn ohne ihr Wissen wird die Krankenstation Hals über Kopf in den Westen verlegt. Hoffnung keimt bei Traudl Scholz auf, als Kameraden ihres Verlobten sie mitnehmen. Da das streng verboten ist, muss sie sich eine Uniform für Luftnachrichtenhelferinnen anziehen. Die Soldaten wollen auf keinen Fall in russische Gefangenschaft geraten. Also: von Hirschberg über tschechisches Gebiet den US-Truppen entgegen. Dann der Schock. In einem Waldstück werden sie unmittelbar vor Kriegsende von tschechischen Partisanen überfallen und gefangen genommen. Schlagartig ist die Uniform für Traudl Scholz lebensgefährlich. Denn auch die Tschechen hassen die Deutschen. Und sie lassen die Gefangenen diesen Hass Tag und Nacht spüren.

Mit viel Glück bleibt ihr erspart, was andere Frauen dort erleiden müssen. Sie wird nicht vergewaltigt. Noch mehr Glück: Ein tschechischer Angestellter des Lagers hat Mitleid mit den Frauen und verhilft einigen von ihnen zur Flucht. Darunter Traudl Scholz. Mit letzter Energie erreicht sie schließlich über Dresden Schwarzburg in Thüringen. Die Familie ist wieder vereint. Einige Wochen später sieht sie auch ihren Verlobten in einer Krankenstation in Coburg wieder.

Endlich ist sie am Ende ihrer Flucht angelangt, die im Winter 1945 begonnen hat und im Sommer glücklich endet. „Heute erscheint mir das Erlebte wie ein düsterer, unscharfer Albtraum. Ich habe mehr als einen Schutzengel gehabt.“

Mit ihrem Mann Leopold, der 1995 stirbt, baut sie sich ein neues Leben in Aichach auf. Auch das ist jetzt schon fast 70 Jahre her.

In Rößel, polnisch heißt es heute Reszel, war sie noch zweimal: Kurz vor der Wende ist sie entsetzt, wie heruntergekommen alles ist. Beim zweiten Besuch, einige Jahre nach der Wende, steht sie glücklich vor ihrem Geburtshaus. Alles ist wieder hergerichtet und gepflegt. „Ich bin richtig froh wieder nach Hause gefahren.“ Traudl Scholz hält inne. „Jetzt habe ich ,nach Hause‘ gesagt.“ Es stimmt ja auch. „Aichach ist meine zweite Heimat geworden.“

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3 Responses to Die unglaubliche Flucht der Traudl Scholz

  1. Waffenstudent says:

    Die Slawenlegende – eine historische Lüge

    Von Dr. Heinrich Klug

    Ein Bericht aus der Zeitschrift „Der Schlesier“ v. 19.Nov. 2010

    https://derhonigmannsagt.wordpress.com/2015/06/28/die-slawenlegende-eine-historische-luge/

  2. Waffenstudent says:

    Königsberg!

    Überleben war
    schwerer als Sterben

    Erika Morgenstern (geb. 1939 in Königsberg, Ostpreußen) ist eine deutsche Autorin.
    http://de.metapedia.org/wiki/Erika_Morgenstern

    Überleben war
    schwerer als Sterben
    Ostpreußen 1944-1948

    Als Erika Morgenstern in einer ostpreußischen Winternacht 1939 das Licht der Welt erblickt, ahnt noch keiner, was dieses Kind einmal würde ertragen müssen. Die ersten Jahre ihres Lebens verbringt sie wohlbehütet und glücklich in Königsberg oder auf dem Lande bei ihren Großeltern, wo sie nicht genug davon bekommen kann, in der herrlichen ostpreußischen Natur zu spielen.

    1944 scheinen diese ersten Jahre nur mehr ein ferner Traum zu sein. Der dramatischen Flucht aus Königsberg folgen harte Jahre der Zwangsarbeit. Der Tod wird zum schrecklichen Alltag, ebenso wie Hunger und Krankheit. Die Angst wird zum ständigen Begleiter der kleinen Erika, die genauso wie ihre Mutter Tag und Nacht schwerste Arbeit verrichten muß, um ihr Überleben zu sichern. So kämpft sie sich eines Nachts, als ihre Mutter mit den anderen Zwangsarbeiterinnen ein totes Pferd wieder ausgräbt, mit schwerer Last und der Angst vor Entdeckung durch den hohen Schnee und geht tagsüber auf Holz- und Nahrungssuche. Warme Kleidung, ausreichend zu essen oder gar der Besuch einer Schule sind Bedürfnisse und Sehnsüchte, die unerfüllt bleiben. Als man schon nicht mehr an eine Befreiung glaubt, kommt eines Tages der Befehl, sich zur Abfahrt bereit zu machen…

    Die schrecklichen und entbehrungsreichen Jahre haben das Leben und die Persönlichkeit Erika Morgensterns geprägt. Mit diesem Buch will sie an die Opfer des Krieges erinnern, an die Toten, aber auch an das Leid der Überlebenden.

    Aus dem Brief einer Leserin:

    „Auf der Rückseite des Einbandes schreibt der Verlag: ‚Dies ist die wohl erschütterndste Darstellung über die Vertreibung aus Nordostpreußen, die wir kennen.‘
    Diese Worte hatte ich gelesen, aber sie haben mich nicht auf etwas vorbereitet, das mich so sehr über alle Maßen entsetzte, daß ich nicht damit fertig werden kann. Ich dachte, ich bin abgebrüht, nachdem ich die Dokumente zur Austreibung der Sudetendeutschen gelesen hatte – danach war ich regelrecht krank geworden.
    Und nun dieses Buch! Ich war auf Greueltaten gefaßt gewesen, die, obwohl erwähnt, doch nur aus der Sicht eines Kindes gestreift wurden, welches zwar ‚genug gesehen‘ hatte, die volle Bedeutung jedoch nur erahnen konnte. Ich dachte, auf meiner Seele sei inzwischen Hornhaut gewachsen. Nun, ich hatte mich gewaltig getäuscht. Der Schmerz und das Leid der ganzen Welt scheinen sich in diesem Kinderschicksal vereinigt zu haben. Beim Lesen dieses Buches wird es einem zur Gewißheit, daß es irgendwie doch eine höhere Macht geben muß, die dieses Kind zum Überleben bestimmt hatte. Ein Überleben, das so sehr viel schwerer als das Sterben war. Damit dieses Buch geschrieben werden konnte. Eine innige Liebeserklärung an Ostpreußen, dieses wundervolle Land, von dessen Einzigartigkeit wir Nicht-Ostpreußen ja keine Ahnung haben und das unsere ‚deutsche‘ Regierung so leichtfertig verschenkt hat. Es ist ein Mahnmal für alle die grausam hingemordeten Menschen aus Königsberg und für die dort Vergessenen, Frauen und Kinder, für die das Leben außerhalb jeglicher Zivilisation, das Vegetieren in der Steinzeit und zur Sklavenarbeit benutzt, so unsagbar schwer war.
    Es ist meine feste Überzeugung, daß noch nie ein Buch wie dieses geschrieben wurde und nie mehr ein solches geschrieben werden kann, das den Leser derart zwingt, die tiefe Seelenangst, Not und Verzweiflung mitzuerleben, um zuletzt fassungslos vor dem Scherbenhaufen einer verlorenen Kindheit zu stehen.
    Immer wieder hatte ich beim Lesen den dringenden Wunsch, daß sich jemand fände, der dieses arme, zerbrochene Menschenkind in Liebe und Geborgenheit hüllte, um wiedergutzumachen und die Wunden zu pflegen für den Rest dieses geschundenen Lebens.
    Man müßte dieses Buch auf dem Internet veröffentlichen, damit die Menschen in aller Welt lesen könnten, was sich damals in Ostpreußen abgespielt hat. Nicht nur war es ein Wunder, daß dieses Kind überlebt hat, es ist auch eine Verpflichtung für Deutsche, diese unbeschreiblichen Verbrechen an ihrem Volke in alle Welt hinauszuschreien. Das Internet wäre der Ort!“

    (Aus dem Brief einer Leserin.)

    http://www.versandbuchhandelscriptor…/1510uber.html

  3. Waffenstudent says:

    GESCHICHTE EINER OSTPREUßISCHEN FAMILIE

    http://www.welt.de/lesestueck/2015/vertriebene/

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