Wolfskinder haben nun endlich eine Gedenktafel

Oberpfarrer Reinhard Zimmermann, Hans-Jörg Froese, Vorstandmitglied der BuLandsmannschaft Ostpreußen (LO) und Edeltraut Dietel, Vorsitzende der Landesgruppe in Thüringen

(LO)Anfang Mai wurde sie feierlich enthüllt und geweiht: Eine Gedenktafel, die an das Schicksal tausender Jungen und Mädchen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert. „Den Wolfkindern Ostpreußens“ ist sie überschrieben. Zu finden ist sie am Altvaterturm in Thüringen, einem 1999 errichteten Mahnmal gegen Vertreibung. In den Nischen seiner Außenfassade sind Gedenktafeln angebracht, auf denen die schlimmsten Ereignisse der Jahre 1945/46 dargestellt sind. Nun fehlt dort auch die Erinnerung an die Wolfskinder nicht mehr.
Groß war das Interesse an der Veranstaltung. Edeltraut Dietel, die thüringische Vorsitzende der Landsmannschaft Ostpreußen begrüßte unter anderem Hans-Jörg Froese, Mitglied im Vorstand der Landsmannschaft Ostpreußen und dort unter anderem für die „Wolfskinder“ zuständig. Ebenfalls unter den Gästen waren Erwin Tesch, stellvertretender Landesvorsitzender des BdV Thüringen, Alexander Schulz, Landesvorsitzender der Landsmannschaft Ostpreußen in Sachsen, Maik Kowalleck, CDU-Landtagsabgeordneter im Thüringer Landtag, weitere Vertreter aus Politik und Gesellschaft sowie Schüler einer fünften Klasse mit ihrer Lehrerin.
Andächtig hörten alle der Rede von Oberpfarrer Reinhard Zimmermann zu: Die Gedenktafel erinnere an das Schicksal tausender Jungen und Mädchen aus Ostpreußen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Eindringlich erinnerte Zimmermann an die Zeit von Gewalt, Willkür, Flucht und Vertreibung. Mahnmale, wie dieses hier am Altvaterturm, würden dazu beitragen, so einen Wahnsinn niemals wieder passieren zu lassen.
Nach diesen Worten wurde die Gedenktafel enthüllt und vom Pfarrer geweiht. Der aus Bokellen bei Königsberg stammende Künstler Dieter Otto Berschinski hat sie entworfen. Vornamen wie Elisabeth, Heinz, Karl oder Anna weisen auf die Schicksale so vieler Kinder hin. Pfeile, die in alle Richtungen zeigen, symbolisieren, wie sehr sie durch Kriegswirren und Leid umhergetrieben wurden. Die Fußabdrücke kleiner Kinderschuhe machen deutlich, dass es eben keine Erwachsenen waren, denen hier gedacht wird.
Mitglieder der Landsmannschaft Ostpreußen sowie Mitarbeiter des Altvaterturmes hatten den Platz vorher mit Blumenschalen geschmückt. Die Schüler legten jeder eine Rose nieder. In den folgenden kurzen Ansprachen betonte der Landtagsabgeordnete Kowalleck, wie wichtig es sei, heutige Generationen, über das damals Geschehene zu informieren. Es sei vielen gar nicht bewusst. Der stellvertretende Landesvorsitzende des BdV Thüringen, Erwin Tesch, mahnte, dass „so etwas“ nie wieder geschehen dürfe.
In der St. Elisabeth-Kapelle, die sich im Kellergeschoss des Turmes befindet, fand der zweite Teil der Veranstaltung statt. In seiner Rede bezeichnete es Hans-Jörg Froese als eine persönliche Herzensangelegenheit, aber auch die des Vorstandes der Landsmannschaft Ostpreußen, dass an das Schicksal der Wolfskinder gedacht werde. „70 Jahre nach Kriegsende ist es leider so, dass jüngere Generationen oft nicht wissen, was damals geschehen ist“, erklärte Froese. Er beschrieb Geschehnisse und unterschiedliche Schicksale von damals: „Bei den Wolfskindern handelt es sich um ostpreußische Kinder zwischen zwei und vierzehn Jahren. die durch Kriegseinwirkungen oder Kriegsfolgen elternlos und heimatlos geworden waren. Wolfskinder nannte man sie, denn sie lebten in den Wäldern, den Wölfen ähnlich, immer auf der Suche nach etwas Essbarem, um zu überleben. Am Ende des Zweiten Weltkrieges gab es etwa 20000. Die jüngeren überlebten diese Strapazen nicht. Sie starben durch Entkräftung in Folge von Unterernährung, durch Seuchen und anderen Krankheiten. Es gab aber auch Litauer, die diese Kinder aufnahmen und dabei ihr eigenes Leben riskierten. Sie haben die deutschen Kinder gerettet, haben sie umsorgt und als eigene Kinder angenommen. Allzu oft haben sie ohne ausreichende Schulbildung und berufliche Qualifikation kein leichtes Leben gehabt. Bis in die 90er Jahre waren die Wolfskinder in Deutschland ein fast unbekanntes Thema. Auch heute noch wird ihrer kaum gedacht. Die Schicksale, die Millionen Deutsche durch Flucht und Vertreibung erlitten haben, sollten uns aber Mahnung und Auftrag sein, dafür Sorge zu tragen, dass künftigen Generationen solches Leid erspart bleibt.“
Nach Froeses Rede las Hannelore Kedzierski, Kulturbeauftragte der Landsmannschaft Ostpreußen im Freistaat Sachsen, die Erinnerungen von Frau Felber als Wolfskind vor. Sie hatte ihre Erlebnisse, da selbst durch Krankheit am Kommen gehindert, für die Anwesenden niedergeschrieben. Frau Laue, ebenfalls eine Betroffene, war persönlich anwesend und schilderte anschließend eindrucksvoll ihr schweren Leben als Wolfskind. An Schicksale wie diese und das so vieler anderer erinnert  nun die Gedenktafel am Altvaterturm.

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