Arno Surminski im Interview

Der aus Ostpreußen stammende 80-Jährige hat einen Erzählband und ein Sachbuch zum Kriegsende herausgebracht. Surminski verfasste unter anderem den Roman „Jokehnen“.

Frage: Wann haben Sie vom Ende des Weltkriegs erfahren?

Surminski: Wir lebten im tiefen Ostpreußen, in einer menschenleeren Gegend, und haben zunächst nur durch Andeutungen vom Ende des Kriegs erfahren. Die russischen Flugzeuge flogen nämlich eines Tages im Mai 1945 gemächlich in Richtung Osten, also zurück. Sie wurden nicht mehr gebraucht. Da war uns klar, dass der Krieg zu Ende sein musste.

Frage: Sie wussten da aber längst, dass Hitler tot war?

Surminski: Ja, das haben wir von russischen Soldaten gehört. Die riefen stolz: „Hitler kaputt!“

Frage: Wie alt waren Sie bei der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945?

Surminski: Ich war zehn Jahre alt und ein begeisterter Pimpf, also Anhänger der Nazis.

Frage: Haben Sie Adolf Hitler verehrt?

Surminski: Ja, natürlich. Wir waren als Kinder durch die Hitler-Jugend völlig indoktriniert. Wir hofften bis zum Ende, dass der Führer das mit seinen Wunderwaffen richten würde. Ich war traurig, als Hitler tot war.

Frage: War das Kriegsende für Sie trotzdem eine Änderung zum Besseren hin?

Surminski: Das Leben wurde nicht leichter. Das ganze Elend ging weiter, und meine Eltern waren schon im März 1945 bei der Eroberung Ostpreußens durch die Rote Armee in die Tiefen Russlands verschleppt worden.

Frage: Hofften Sie, Ihre Eltern bald wiederzusehen?

Surminski: Ja, jeden Tag dachte ich: Morgen kommen Sie garantiert wieder, dann ist ihre Arbeit in Russland erledigt! Aber Sie kamen nicht wieder. Sie kamen nie wieder.

Frage: Wann haben Sie endgültig vom weiteren Schicksal Ihrer Eltern erfahren?

Surminski: Erst Ende der 90er Jahre, nach der Öffnung der russischen Archive, kam ein offizieller Brief des Roten Kreuzes. In dem stand: „Ihre Eltern sind dann und dann in Russland gestorben“. Da erst hatte ich Gewissheit über ihr Schicksal.

Frage: Haben Sie Kriegsverbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung erlebt?

Surminski: Mir persönlich hat kein Soldat der Roten Armee was getan, aber was rundherum mit willkürlichen Erschießungen an Straßengräben und Vergewaltigungen von deutschen Frauen geschah, trug nicht zum Ruhm der Roten Armee bei.

Frage: Haben Sie damals die Eroberer Ostpreußens gehasst?

Surminski: Nein, ich bin ohne Groll und kann gar nicht hassen. Aber ich hasse das System, das so etwas möglich gemacht hat. Ich hasse den Kommunismus. Ein System, das Massenvergewaltigungen und Willkür gegen Besiegte zulässt, kann kein gutes System sein. Von da an war der Kommunismus für mich erledigt.

Frage: Im Dezember 1945 wurden Sie dann nach Westdeutschland vertrieben?

Surminski: Es waren nur noch wenige Menschen in unserem Dorf. Wir wurden aufgefordert, abzuhauen. Vielleicht hätte ich theoretisch bleiben können und den russischen Soldaten weiter die Stiefel geputzt. Letztlich bin ich doch in den Wagen nach Westen gestiegen. Ich hätte den Winter in Ostpreußen auch nicht überlebt, es gab keine Lebensmittel, alles war zerstört. Die Vertreibung hat mir das Leben gerettet.

Frage: Haben Sie an eine Rückkehr geglaubt?

Surminski: Nein, das lag mir nie am Herzen. Mein letzter Blick war ja in Ostpreußen auch ein Blick auf mein kaputtes Jäglack, auf unser zerstörtes, geplündertes Dorf. Warum sollte ich dahin zurückkehren wollen?

Frage: Können Sie mit dem Begriff Heimat etwas anfangen?

Surminski: Das ist eines der schönsten Worte, die wir haben. Aber ein Dorf ohne vertraute Menschen ist keine Heimat.

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2 Responses to Arno Surminski im Interview

  1. Waffenstudent says:

    Kind versprich mir, daß du dich erschießt!

    DEMMIN 145

    Der größte Massenselbstmord der deutschen Geschichte

    http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/wdr/ttt-08022015-massenselbstmord-100.html

  2. Waffenstudent says:

    Dr. Alfred Schickel – Die Vertriebenen und die katholische Kirche

    Es fiel auf, dass im zu Ende gehenden Jahr 2005 zwar ausführlich des Kriegsendes vor 60 Jahren gedacht und der 08.05.1945 fast nur noch als „Tag der Befreiung“ gefeiert wurde, der im gleichen Jahr 1945 begonnenen Deutschen-Vertreibung jedoch ein teilnehmendes Gedenken weitgehend versagt blieb. Starke in- und ausländische Kräfte möchten sogar den deutschen Heimatvertriebenen ein nationales Mahn- und Erinnerungszentrum in der Bundeshauptstadt verwehren. Ein Bestreben, das erstaunlicherweise eine gewisse passive Unterstützung auch beim amtierenden Berliner Erzbischof findet, lehnt es dieser doch ab, dem geplanten Projekt ein kirchliches Gebäude zur Verfügung zu stellen. Kardinal Sterzinski sieht im Vorhaben der deutschen Heimatvertriebenen den Gedanken der Versöhnung nicht angemessen hervorgehoben und fürchtet bei seiner Verwirklichung in Berlin ein Aufbrechen vernarbter Wunden beiderseits der Grenzen.

    Für kirchengebundene katholische deutsche Vertriebene eine nur schwer nachzuvollziehende Haltung, hielten sie den aus dem ostpreußischem Warlack gebürtigen Georg Sterzinsky doch für einen Kenner ihrer „Charta“ vom August 1950 und der darin zum Ausdruck gekommenen Versöhnungsbereitschaft. Zugleich auch für solidarisch mit seinen deutschen Vorgängern im Bischofsamt; insbesondere mit jenen, die 1945/46 das Elend der Heimatvertriebenen miterlebt und sich in Verbundenheit mit ihren Landsleuten mutig zu Wort gemeldet haben. Wie etwa die Bischöfe von Ermland und Berlin, Maximilian Kaller und Konrad Graf Preysing, die am 03.09.1945 den Alliierten Kontrollrat auf das „Flüchtlingselend der deutschen Bevölkerung“ hingewiesen und in ihrem Schreiben wörtlich festgestellt haben: „Hunderttausende unserer Diözesanen müssen unter dem Druck der Polen oder unter dem Druck des Hungers sofort ihre Heimat verlassen“. Die von den beiden Oberhirten beklagten Umstände der Vertreibung und die Lage der Ostdeutschen wurden im Übrigen in einer Verschluss-Meldung der US-Army vom 18.10.1945 nachhaltig bestätigt. Das Hauptquartier General Eisenhowers drahtete an diesem Tag nach Washington:
    „Eingehende Berichte von verlässlichen Beobachtern sowie von einem Offizier der G-2- Abteilung unterstreichen Anzeichen kritischer Entwicklung im Raume Schlesien und in Ostdeutschland. In Schlesien verursachen polnische Verwaltungsmethoden eine Massenauswanderung der Deutschen in Richtung Westen. Den Deutschen wird befohlen, ihre Heimstätten zu verlassen und ‚Neu-Polen‘ zu räumen. Viele, die nicht in der Lage sind, der Ausweisung Folge zu leisten, werden bei geringer Verpflegung und dürftiger Sanitär-Betreuung in Lagern festgehalten. Die Krankheits- und Todesraten sind in den Lagern äußerst hoch, (,Death and disease rate in camps extremely high‘). Deutsche, die versuchen. ihre Heimstatt und ihre Ländereien zu behalten. werden dermaßen terrorisiert dass sie schließlich ,freiwillig‘ ihre Höfe räumen“.
    Die mit solcher Härte seitens der Polen angewandten Mittel lassen sich nicht mit dem Potsdamer Abkommen in Einklang bringen (,Methods used by Poles definitely do not conform to Potsdam agreement‘). Infolge der Massen-Abwanderung nach Brandenburg und Sachsen sind die Lebensbedingungen in diesen Gebieten tragisch schlecht. Es herrscht dort beispielloser Nahrungsmangel, Mangel an ärztlicher Hilfe und Mangel an Ärzten selber (,Due to mass migration into Brandenburg and Saxony, health conditions in these regions tragically low. There is unprecedented lack of food. medical supplies, and doctors‘). Demzufolge lässt sich voraus schätzen, dass im nächsten Frühjahr etwa 2,5 bis 3 Millionen Opfer an Unterernährung und durch Krankheit zwischen Oder und Elbe zu erwarten sind. Die Todesrate in Breslau ist auf das Zehnfache angestiegen. Typhus, Diphterie und ähnliche Krankheiten breiten sich bedrohlich aus·“(Reasonable estimates predict between: 2,5 and 3 million victims of mal nutrition and disease between Oder and Elbe by the next spring. Breslau death rate increased ten fold. Typhoid, typhus, dysentery, and diphteria are spreading‘)
    Die „verlässlichen Beobachter“ (‚reliable observers‘), von welchen in der Meldung die Rede ist, waren zum Teil amerikanische Feldkapläne und Militärpfarrer, die ihrerseits auch ihre Ortsbischöfe über die geschilderten Verhältnisse informierten. Diese nahmen die Nachrichten wiederum zum Anlass, ihre Diözesanen zu Spenden für die Not leidenden Deutschen zu ermuntern bzw. deutsche Bischöfe zu Vorträgen in die Vereinigten Staaten einzuladen, um bei dieser Gelegenheit für die deutschen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen sammeln zulassen. Bischof Konrad Graf von Preysing erhielt auch eine solche Einladung und ging für seine Diözesanen in den USA „auf Bettelreise“. Seine von Papst Pius XlI. im Februar 1946 vorgenommene Erhebung in den Kardinalsrang kam ihm dabei sehr zugute, erhöhte sie doch die allgemeine Beachtung seiner Auftritte in den Vereinigten Staaten. Schließlich war ein Almosen sammelnder Kardinal gräflichen Geblüts auch im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ nichts Alltägliches.
    Pius XlI. verhalf aber nicht nur durch die Verleihung des Kardinalpurpurs dem Bischof von Berlin zu mehr Aufmerksamkeit bei seiner „Bettelreise“. sondern nahm sich auch persönlich und direkt der Not der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen an. Er richtete am 01.11.1945 eine „Kundgebung“ an die deutschen Bischöfe und stellte darin fest:
    „Wenn Wir nun auch an Eurer aller Not innigen Anteil nehmen, so möchten Wir doch Unsere Teilnahme namentlich denen zum Ausdruck bringen, die in Berlin und Ostdeutschland beheimatet sind. Wir kennen ihr bitteres Los … Wie alles Leid … uns schmerzlich berührt so erfüllt uns doch mit besonderer Trauer all‘ das Elend, das der Krieg über Euch gebracht hat. Denn mitten unter Euch haben Wir viele Jahre fruchtbarer Arbeit verlebt und konnten auf den Katholikentagen in Berlin, Breslau und Magdeburg beobachten, welch reges und mutiges Glaubensleben bei Euch herrschte. Für Eure Landsleute, insbesondere für die vielen Tausende, die von Haus und Hof vertrieben,. unglücklich umherirren, erflehen Wir in Unseren Gebeten das göttliche Erbarmen …“
    Nach dieser päpstlichen Verbundenheitsadresse und Rückenstärkung entschlossen sich die westdeutschen Bischöfe im Januar 1946 zu einer gemeinsamen Kanzelverkündigung zur Vertreibung. Sie war auf den 30.01.1946 datiert und hatte folgenden Wortlaut:
    „Wir katholischen Bischöfe können nicht länger schweigen zu dem furchtbaren Lose der mehr als 10 Millionen Ostdeutschen, deren Vorfahren größtenteils schon vor sieben- bis achthundert Jahren im Ostdeutschen Raum gesiedelt und den Boden urbar gemacht haben. Es handelt sich um die Deutschen in Schlesien, in Ost- und Westpreußen, in Pommern im Sudetenland, aber auch in Ungarn, Rumänien, Südslawien usw. Alle diese Menschen sind mit gewaltsamer Vertreibung aus ihrer angestammten Heimat bedroht. ohne dass sie ihr Hab und Gut mitnehmen können, ohne dass ihnen in Westdeutschland eine ausreichende und menschenwürdige Existenz gegeben werden konnte. Millionen sind schon von diesem entsetzlichen Schicksal ereilt. In Schlesien allein dürften es mehrere Millionen sein. Die Austreibung ist mit furchtbarer Brutalität, unter Nichtachtung aller Menschlichkeit erfolgt. Auch nachdem der Hohe Kontrollrat die zwangsweisen Aussiedlungen abgestoppt hat, haben sie keineswegs aufgehört. Die zurückbleibenden Deutschen aber werden so furchtbaren Drangsalierungen unterworfen, dass sie genötigt sind, das Land zu verlassen. sofern sie nicht durch Untertauchen in fremder Nationalität Schutz finden.
    Die Weltöffentlichkeit schweigt zu dieser furchtbaren Tragödie. Es ist, als sei ein eiserner Vorhang vor diesen Teil Europas niedergelassen.
    Wir wissen, dass gerade in jenen Gebieten Deutsche furchtbare Verbrechen an den Angehörigen anderer Nationen begangen haben. Aber seit wann ist es erlaubt. an Unschuldigen sich zu rächen und Verbrechen durch Verbrechen zu sühnen? Man soll die wirklich Schuldigen zu unerbittlicher Rechenschaft ziehen. Aber wer will das Massensterben von Kindern,
    Müttern. alten Leuten verantworten? Wer will die Verzweiflung so vieler Tausende auf sich nehmen, die in ihrem entsetzlichen Elend ihrem Leben selbst ein Ende machen?
    Wir bitten und flehen, die Weltöffentlichkeit möge ihr Schweigen brechen; diejenigen, die die Macht in Händen haben, möchten verhüten, dass Macht vor Recht gehe und dass aufs Neue eine Saat des Hasses ausgestreut werde, die nur neues Unheil in sich bergen kann. Im Namen der Gerechtigkeit und der Liebe erheben wir unsere Stimme für unsere Landsleute im Osten.
    Wir bitten die Gläubigen. in ihren Gebeten immer wieder dieser Not zu gedenken. und wenn die Ostflüchtlinge zu uns kommen. sie mit der ganzen Opferbereitschaft christlicher Liebe zu empfangen.“
    In ihrem gemeinsamen Hirtenwort vom 27.03.1946 wanden sich die westdeutschen Bischöfe erneut dem Los der Ost- und Sudetendeutschen zu und nannten ihr Schicksal eine
    „brutale und unmenschliche Ausweisung von 10 Millionen Menschen, die weder ein Eigentum noch die Möglichkeit besitzen, sich zu ernähren und die Gefahr laufen, sich zu einem unruhigen und unzufriedenen Element in der Bevölkerung zu entwickeln“.
    Als auch dieser Hinweis auf die große Notlage im besiegten Deutschland mit der Anspielung auf mögliche innere Unruhen keinen nennenswerten Widerhall bei den Besatzern fand, entschlossen sich die drei deutschen Kardinäle sowie die Erzbischöfe von Paderborn, Freiburg und Bamberg zu einem direkten Appell an den US-amerikanischen Präsidenten. Faulhaber (München), Frings (Köln) und Preysing (Berlin) sowie Jäger, Gröber und Kolb schrieben unter dem Datum des 03.07.1946 an Harry S. Truman in Washington. Sie forderten in ihrer Bittschrift nachdrücklich Hilfe für die aus der Tschechoslowakei, aus den deutschen Ostgebieten und aus Ungarn nach Deutschland ausgewiesenen Deutschen und machten darauf aufmerksam, dass „die Leben von zehntausenden verhungernder oder sterbender Menschen auf dem Spiel stehen“ (‚the lives of ten thousands of starving or dying people are at stake‘), wenn nicht für Hilfe gesorgt oder eine weitere Ausweisung unterbunden wird. Die Kardinäle und Erzbischöfe wörtlich an Präsident Truman:
    „Die betroffenen Menschen sind meistens Frauen und Kinder, denen nicht vorgeworfen werden kann, ein so grausames Schicksal durch eigene Schuld verdient zu haben“(‚The people concerned are mostly women and children who cannot be reproached with having deserved such a cruel fate by their own fault‘). In Beachtung des protokollarischen Dienstweges leiteten die deutschen Kirchenführer ihr (in Englisch) verfasstes Schreiben dem amerikanischen Militärregierungsamt in Frankfurt zu und baten um die weitere Vermittlung nach Washington. Diese wurde jedoch von der amerikanischen Besatzungsmacht abgelehnt. Der stellvertretende
    amerikanische Militärgouverneur, General Luicius D. Clay. teilte unter dem Datum vom 15.07.1946 den deutschen Kardinälen und Erzbischöfen kühl und lapidar mit:
    „Ich bedauere, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich nicht gewillt bin, diese Bittschrift dem Präsidenten der Vereinigten Staaten weiterzureichen.“·(‚I regret to advise you that I am unwilling to pass this petition to the President oft he United States‘).
    Statt den Brief an das Weiße Haus weiterzuleiten, fand innerhalb der amerikanischen Militärregierung eine intensive Erörterung der Gründe und Hintergründe der Ausweisungen statt. An ihr beteiligten sich auch Vertreter des State Departments und lieferten die von den Polen und den Tschechen seit 1942 der amerikanischen Regierung vorgetragenen Begründungen für die geplanten Deportationen Das las sich im Antwortschreiben General Clays folgendermaßen:
    „Die Umsiedlung der betreffenden Deutschen wurde in Potsdam beschlossen als notwendig für die zukünftige Sicherheit Europas. Die Gegenwart einer deutschen Minderheit zum Beispiel in der Tschechoslowakei. führt zu vorsätzlicher Unruhe und umstürzlerischer Tätigkeit gegen die bestehende Regierung. Wo diese Minderheiten in anderen Ländern Europas bestanden, hatten sie bewiesen, dass sie nicht willens waren, voll die Verantwortung für das ihnen verliehene Bürgerrecht zu übernehmen. Sie trugen nicht nur zu dauernder Unruhe bei, sondern begünstigten auch ungestüm die Bestrebungen der deutschen Kriegführung, sich gegen ihr eigenes Volk zu wenden. Wenn auch viele dieser Menschen zweifellos persönlich an solchen Aktionen unschuldig sind, so wäre es doch unmöglich, individuelle Schuld festzustellen.“
    (‚The movement of the German peoples involved was determined at Potsdam to be necessarv to the future stability of Europe. The presence of the German minority·in Czechoslovakia, for exemple, lead to deliberate unrest and subversive action against established government. Where these minorities existed in other countries in Europe, they had demonstrated thier unwilligness to accept fully the responsibilities of the citizienship which they had been granted. They not only contributed to continuing unrest, but also responded eagerly to the efforts of German war leadership to turn against their country. While many of these people were innocent undoubtedly of specific participation in such actions, it would he impossible to determine individual guilt.‘).
    Im Rückgriff auf den Brief der Bischöfe Preysing und Kaller vom September 1945. in welchem auf die Jahrhunderte alte deutsche Siedlungsgeschichte der Vertreibungsgebiete hingewiesen worden war, glaubte Clay ausführen zu sollen:
    „Darüber hinaus ist es offenkundig, dass diese (deutschen) Minderheiten das Vertrauen der Völker, unter denen sie wohnten, in einem Grade verloren haben, dass ihr dauerndes Verweilen in diesen Ländern nur dazu dienen würde, Hass und Groll zu mehren“ (Moreover, it is manifest that these minorities had lost the confidence of the peoples of the countries in which they resided that their continued residence in these countries would but serve to increase hatred and resentment‘).
    Als ob für die Unzuträglichkeiten zwischen polnischem bzw. tschechischem Staatsvolk und den anderen Minderheiten nur Letztere stets verantwortlich gewesen wären und die Siegerentscheidungen von 1919 gar keine Rolle gespielt hätten; als ob gar „die Vertreibung bzw. Ausweisung der Deutschen eine Art Rettungsaktion vor der mit Recht erzürnten Tschechen und Polen gewesen wäre“, wie ein Domkapitular in Eichstätt ironisch kommentierte.
    In der Tat reichte diese Clay’sche Argumentation schon bedenklich am die „Sippenhaft“·- These vergangener Zeiten heran.
    In Kreisen der tschechischen Kirche fanden sich nur vereinzelt kritische Stimmen zu den Vertreibungsvorgängen. Die offizielle bzw. sogenannte „Amtskirche“ in Prag schwieg zu den Exzessen der Austreibungen und versäumte es, mäßigend auf die eigenen Landsleute einzuwirken. Vom Prager Erzbischof Beran, einem persönlichen Freund Präsident Beneschs, wird überliefert, dass er sich mit der
    „Entfernung der Deutschen im Interesse einer ruhigen innenpolitischen Entwicklung der C.S.R.“ einverstanden erklärt haben soll. So erfolgten ohne erkennbaren äußeren Widerspruch seitens der tschechischen Geistlichkeit die Ausweisungen sudetendeutscher Kirchenführer und Ordinariatsangehöriger.
    Wurde beispielsweise Kanonikus und Domkapitular Georg Zischek wegen seines Deutschtums aus seiner Funktion als Domherr der Kirche von Leitmeritz gewaltsam abgelöst und nach Bayern ausgewiesen. Und so wurde auch der Erzdechant von Aussig, Johann Stiel, als Deutscher seiner Heimat verwiesen und fand im bayerischen Ingolstadt Zuflucht.
    Erst als in den Jahren 1947/48 die Prager Führung einen immer deutlicheren antiklerikalen Regierungskurs erkennen ließ und die Beziehungen zum Heiligen Stuhl sich sichtlich verschlechterten, dachten zahlreiche tschechische Geistliche anders über die Deutschen-Vertreibung.
    Ähnliche Feststellungen lassen sich auch über die katholische Kirche Polens treffen, ohne sie freilich auf alle polnischen Kirchenführer beziehen zu können. So hatte beispielsweise der damals amtierende Kardinalprimas Hlond nicht nur nichts gegen die Ausweisung der Deutschen und die Entfernung der deutschen Hierarchie in den deutschen Ostgebieten einzuwenden, sondern beförderte seinerseits diese Aktion sogar. Dabei scheute er sich nicht, päpstliche Vollmachten vorzutäuschen. Seinem deutschen, am 06.07.1945 auf Schloss Johannesberg verstorbenen Kardinals-Kollegen, Adolf Bertram, Erzbischof von Breslau, ermöglichte er nicht die Beisetzung in dessen Kathedralkirche an der Oder.
    Ein Umstand, der ein bezeichnendes Licht auf die Einstellung der offiziellen katholischen Kirche Polens in diesem Punkte warf.
    Kardinalprimas Stefan Wyszynski, dem unmittelbaren Nachfolger Augustyn Hlonds, wurde eine Zeitlang nachgesagt, die Einverleibung der deutschen Ostgebiete nicht im nachmaligen Umfange angestrebt zu haben. Als politischer Parteigänger der polnischen Exilregierung in London hielt er es auch mit deren Landansprüchen an Deutschland; und diese nahmen sich gegenüber dem Reich verhältnismäßig bescheiden aus. Dafür trat Wyszynski für die alte polnische Ostgrenze ein und beanspruchte die (einst polnischen) Kirchensprengel von Wilna. Minsk und Lemberg. Erst starke politische Pressionen der kommunistischen polnischen Regierung wandelten Stefan Wyzjnski zum künstlichen Anwalt für die Warschauer Ansprüche auf die deutschen Ostgebiete bis zur Oder und westlichen Neiße.

    Quelle: http://www.silesia-schlesien.com/index.php?option=com_content&view=article&id=484:-dr-alfred-schicke-die-vertriebenen-und-die-katholische-kirche&catid=38:beitraege

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