Drama „Wolfskinder“: Menschenrechtspreis für Regisseur

Rick Ostermann ist mit dem Franz-Werfel-Menschenrechtspreis der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ geehrt worden. Der Regisseur und Drehbuchautor erhält die Auszeichnung für „Wolfskinder“, eine emotionale, spannende und ebenso brutale wie direkte Erzählung über Leben und Tod, über Kindheit und Gewalt, über Schuld und Unschuld.

Image635506301656100930Frankfurt.  – Er nehme diesen Preis auch stellvertretend für alle ehemaligen „Wolfskinder“ an, sagte Regisseur und Drehbuchautor Rick Ostermann gestern bei der Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises in der Paulskirche. „Wolfskinder“ wurden jene elternlosen deutschen Jungen und Mädchen genannt, die in den Wirren zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor der russischen Armee flohen und in den Wäldern Litauens und Polens Schutz suchten. Ostermann habe das erschütternde Schicksal dieser Kinder anrührend, feinfühlig und gleichermaßen ausdrucksstark visualisiert, so das Urteil der Jury. Seit August ist sein Spielfilmdebüt „Wolfskinder“ in den Kinos und fand bereits international Anerkennung. Vergeben wird der mit 10 000 Euro dotierte Menschenrechtspreis vom „Zentrum gegen Vertreibungen“, einer Stiftung des „Bundes der Vertriebenen“. Auszeichnet werden Einzelpersonen oder Initiativen, die durch ihr Handeln das Verantwortungsbewusstsein gegenüber Völkermord, Vertreibung oder die Zerstörung nationaler, ethnischer oder religiöser Gruppen schärfen.

„Im Film ist zu bewegend sehen, wie Kinder Entscheidungen treffen müssen, die Kinder nicht treffen sollten“, schilderte die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach in ihrer Rede vor rund 200 Gästen. Gleichzeitig wies sie in ihrer Funktion als Stiftungsvorsitzende auf die Aktualität des Themas hin: „Vertreibung ist keine Vokabel von gestern. Wir vergraben uns nicht im eigenen Schicksal, sondern nehmen Anteil daran, was Vertriebenen heute weltweit widerfährt.“

„Wach auf. Mutti ist tot.“ Der letzten Bitte ihrer Mutter folgend, versuchen sich die Brüder Hans und Fritz im Sommer 1946 nach Litauen durchzuschlagen. Wie tausende andere verwaiste Kinder werden sie von Soldaten und litauischen Freischärlern verfolgt, streifen durch Wälder und Dörfer des damaligen Ostpreußens. „Ihr Alltag war nacktes Überleben. Eine vergessene Generation. Viele lebten jahrzehntelang unter falscher Identität in Litauen“, erzählte Regisseur Ostermann. Er traf ehemalige Wolfskinder. „Sie saßen bei Filmvorführungen in Litauen im Publikum, fühlten sich durch die Geschichte der Brüder erkannt und verstanden.“ Ostermann wurde auch in der eigenen Familie fündig, seine Mutter musste als Kind im Wagentreck die Flucht aus Ostpreußen erleben. „Das Thema Vertreibung ließ mich lange nicht los, doch es sollte sechs Jahre dauern bis der Film fertig war“, so der Preisträger. Eines ist ihm wichtig zu betonten: „Diese Wolfskinder sind keine deutschen Täter, die im Film zu Opfern geschminkt werden. Es sind Kinder.“ In seiner Laudatio vertrat der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments Klaus Hänsch ebenfalls diese Sichtweise. „Das wortkarge Drama, das durch Gesten, Gesichter und die wilde Natur Litauens berührt, hebt nicht den Zeigefinger. Es geht nicht um den Austausch von Schuldzuweisungen. Die Angst der Opfer ist entnationalisiert, Hans und Fritz verteidigen ihr Recht auf Leben mit kreatürlicher Hartnäckigkeit“, so Hänsch.

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3 Responses to Drama „Wolfskinder“: Menschenrechtspreis für Regisseur

  1. Gertraud Groß says:

    Auch ich war ein Wolfskind, das nach dem Verhungern der Mutter und der zwei kleinen Geschwister , 1946 im Frühling , mit meiner ein Jahr älteren Schwester , allein und ohne Schutz und Hilfe in Ostpreußen überleben musste.Wir waren zu klein um Litauen zu finden. Ich war 8 Jahre alt. Wir überlebtehn unter unvorstellbaren Zuständen in dem von der Roten Armee besetzten und vereinnahmten Ostpreußen. Dort wo fast alle Bauern geflüchtet waren, konnten wir in den Jahren 1946 und 1947 kaum noch Essen finden ,oder ein Dach über dem Kopf. So schliefen wir wie es kam im Freien , in Scheunen und in Ruinen. Die Nahrung versuchten wir mit Betteln bei den inzwischen eingezogenen zivilen Russen zu bekommen. Sie verjagten uns in der Regel. Sie riefen verschwindet ihr Deutschen Teufel.“ Idjiti dawai Nemetzki Tschort“Im Sommer 1947 fingen uns Soldaten der Roten Armee ein und internierten uns in Königsberg Kalthof in der Ausbildungsstelle für Russische Rekruten. Im November 1947 verfrachhtete man uns in Viehwaggons und wir kamen nach Ostdeutschland. Dort war ein großes Schweigen über uns. Erst vor etwa 10 Jahren fing man an unsere Existenz wahr zu nehmen. Ich habe über meine Erlebnisse ein Buch geschrieben „Wolfskind Traute “ von Gertraud Gross. Bei Epubli oder Amazon bestellbar. Mein Leben in der DDR beschrieb ich in „Honeckers kleine Straßenbahnführerin“ von Getraud Gross. Es freut mich, nun wo ich 76 Jahre alt bin, dass man auch unser Elend, das nach dem Krieg zugefügt wurde , als Unrecht zur Kenntnis nimmt. Gertraud Groß , Chemnitz, genannt Traute…

  2. Ich war ein Wolfskind!

    Klein Bohnche – Eine wahre Geschichte
    Klein Bohnche war wirklich noch klein, als der schreckliche, grausame Krieg zu Ende war. Das war im Mai 1945. Klein Bohnche war erst sechs Jahre alt. Er lebte in Königsberg,
    im schönen Ostpreußen. Dort sollte er eigentlich eingeschult werden, aber Schulen gab es ja keine mehr. Dafür mußte Bohnche etwas anderes lernen. Er mußte lernen, wie man
    überlebt!
    Diese schrecklichen Bombennächte die Angst war immer noch in seinem Gesicht zu sehen doch das war ja jetzt vorbei. Dafür gab es jetzt eine andere Angst: Wie bekomme ich etwas
    zu Essen? Er hatte doch so einen großen Hunger, denn er hatte ja immer Hunger, das war ja nun mal bei ihm so. Jetzt gab es nichts zu essen, und da waren ja auch noch die Jette
    und der Byla. Das waren seine Geschwister, die ja auch noch Hunger hatten. Wo war denn bloß die Mutter? Sie müßte doch eigentlich etwas zu essen haben, aber das war nicht so.
    Die Mutter konnte kein Essen besorgen, denn es gab nichts, was man essen konnte. Aber Moment mal; war jetzt nicht gerade Frühling? Dann gab es ja doch noch etwas zu essen.
    Mutter hatte uns gezeigt, was man alles essen kann: Es gab Butterblumen, Brennesseln, Mildekraut, und Sauerampfer gab es auch schon. So lernten wir zu überleben. Wir fanden
    mal einen Frosch, mal einen Spatz, und wenn wir ganz viel Glück hatten, fingen wir eine Katze oder einen Hund. Aber das war sehr schnell vorbei, denn es hatten ja viele
    Menschen Hunger. Bohnche sah eigentlich aus, als würde er genug zu essen bekommen, denn er hatte einen dicken Bauch und dicke Wangen.
    53 Jette und Byla sahen so aus, als würde nur das Körpergerüst durch die Gegend laufen. Ob Bohnche wohl heimlich etwas zu essen hatte? Aber nein, dem war nicht so. Bohnche hatte nur einen Wasserbauch und Wasser im ganzen Körper. Als es dann Sommer und Herbst wurde, da hatten die drei etwas mehr zu essen. Die Bauern hatten ja noch im Frühjahr gesät, darum konnten wir auf die Äcker gehen und Ähren sammeln und auf den leeren Kartoffeläckern noch nach Resten suchen. Doch dann kam der harte Winter 1945/46. Es wurde für die drei Kinder und die Mutter noch grausamer, denn da war nicht nur der Hunger, sondern auch die Kälte! Man mußte sich um Holz kümmern, sonst würde man auch noch erfrieren. Holz gab es nicht! Schon gar nicht Kohlen oder sonst Brennbares. Holz mußte man sich aus Schrebergärten oder nicht ganz ausgebrannten Häusern besorgen. Das mußten Jette und Byla machen. Die waren schon etwas größer. Jette war acht und Byla schon neun Jahre alt. Einmal ist Jette mit Byla in einem Schrebergarten Holz suchen gegangen. Byla hackte gerade ein Brett vom Boden los, da blieb er mit seinem Beil im Bein einer tiefgefrorenen Leiche stecken. Die beiden hatten es gar nicht gemerkt, daß unter dem Holz eine Leiche lag. Sie waren überhaupt nicht erschrocken, denn Tote hatten sie inzwischen schon genug gesehen. Die Menschen starben täglich wie die Fliegen.
    Hungern und frieren ist wirklich grausam.
    Es kamen immer mehr Russenfamilien nach Königsberg. Wir wurden von einer zerstörten Wohnung in die andere getrieben, denn die Russen hatten mehr Rechte. Sie hatten ja schließlich den Krieg gewonnen. Wir wohnten in Wohnungen, wo die Fenster mit Brettern zugenagelt waren. Es gab kein Licht und auch kein Wasser. Was es wirklich genug gab, waren tote Menschen, die verhungert oder erfroren waren. Warum hat sich denn der Vater nicht um die drei Kinder und die Mutter gekümmert? Das konnte er gar nicht, denn er war im Krieg in Gefangenschaft ge-
    54 raten. Das konnten die vier zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Sie haben schon geglaubt, er wäre tot.
    Mutter war eine herzliche Frau. Sie nahm jeden auf, der schwach und gebrechlich war, und fütterte ihn durch. Selbst wenn die vier selber hungerten. Geholfen hat es trotzdem nichts. Auch sie starben weg wie die Fliegen! Mutter nahte sie dann in einen Sack ein.
    Lieschen hieß die tote alte Frau, und Mutter brachte sie einen Stock tiefer unter die Treppe. Sie sollte später eingesammelt werden zum Verbrennen. Da es Winter war, war es nicht so schlimm, denn es stank nicht so. Die Leichen wurden nach vielen Tagen eingesammelt, mit Benzin übergossen und verbrannt. Vorher hatten Paulchen und Paula noch etwas zu fressen. Es waren zwei Ratten, die sich an Lieschen labten. Sie hatten ja auch nichts zu fressen. Die Ratten waren so dreist, daß sie gar nicht mehr wegliefen, wenn wir Kinder die Treppe herunterkamen. Die Namen Paulchen und Paula hatten die beiden Ratten natürlich von uns Kindern bekommen. Zweimal mußte unsere Mutter noch Menschen im Kohlensack einnähen: eine junge Mutter, die in der gleichen Nacht starb, wie ihr vierjähriges Kind. Wir glaubten, die Mutter hat ihr Kind umgebracht. Die beiden hatten auf dem Kopf so viele Läuse, daß sich die Kopfhaut angehoben hat. Es müssen viele Millionen Läuse gewesen sein. Man nannte sie die Totenläuse. Wir hatten auch Läuse. Sie steckten tief in der Haut, obwohl an uns nicht mehr viel dran war. Die Läuse hatten trotzdem noch etwas zu fressen. Das wir überlebt haben, verdanken wir unserer Mutter.
    Dadurch, daß immer mehr Russen kamen, gab es auch mehr zu essen. Wir konnten hei ihnen betteln gehen. Manchmal gab es etwas, und manchmal gab es auch Schläge. Es gab ja keine Müllabfuhr. Wir haben VOIi den Misthaufen Essensreste sowie Kohlblätter, Kartoffelschalen und ähnliches gesammelt. 55 / 56-57 Unsere Mutter sagte immer: „Eßt nichts, was ihr da findet, sondern bringt es nach Hause. Dann wird alles gekocht. Was durch Hitze und Feuer geht, da kann nichts passieren.“ Das war unser Glück! Wir glauben sogar, daß es ein Wunder war. Jette und Byla waren wieder einmal unterwegs, um etwas Eßbares zu suchen. Und siehe da, da steht ein halber Sack Hirse – geschälte Hirse, denn bei den Russen gab es früher viel Hirsebrei. Sie haben ja selber nicht allzuviel gehabt. Und nun zu der Hirse: der Sack war ‚runtergekrempelt, so daß man die goldgelbe Hirse sehen konnte. Jette und Byla konnten den schweren Sack natürlich nicht tragen. Sie sind nach Hause gelaufen, haben Mutter geholt, und die hat den Sack Hirse nach Hause gebracht. Nun kommt das Wunder: Wie ist der halbe Sack Hirse dahin gekommen, warum war er aufgekrempelt, und wieso hat ihn kein anderer gesehen, als wir Mutter geholt haben? Es sind viele Menschen da vorbeigegangen, die auch Hunger hatten. Jette und Byla beteten inbrünstig: „Lieber Gott, laß uns heute etwas Eßbares finden und laß uns nicht verhungern.“ Wir sind nicht verhungert, denn es muß ein Wunder gewesen sein. Mutter konnte dann tauschen: Hirse gegen Fett. Dann hat sie einen deftigen Hirsebrei gekocht, der Byla gar nicht gut bekam. Er hatte soviel gegessen, daß er vom Stuhl fiel.
    Es war schon eine schlimme Zeit. Mutter mußte natürlich arbeiten gehen. In einer Zellulosefabrik hat sie schwer arbeiten müssen. Nun könnte man denken, dadurch hätte sie viel Geld gehabt und konnte sich etwas kaufen. Aber es gab kein Geld. Sie mußte zwangsarbeiten und bekam dafür fünfzig Gramm Brot täglich. Dies brachte sie auch noch für ihre Kinder nach Hause.
    Dann hörten wir auf einmal von anderen Menschen, daß es ein Land gibt, das Litauen heißt, und dort würde es etwas zu essen geben. Litauen war sehr deutschfreundlich. Aber wie sollte man dahin kommen? Wir hörten von anderen, es würden Züge hinfahren. Das war wirklich so. Richtung Osten fuhren tatsächlich Züge; Güterzüge mit Kohle und Eisen. Eben alles, was man aus Ostpreußen ‚rausholen konnte. Mit diesen Zügen sind wir Kinder nach Litauen gefahren. Meistens in der Nacht auf Trittbrettern, Puffern, auf Bremserhäuschen oder auf der Ladung. Man mußte immer Angst haben, daß man ‚runtergeworfen wird, denn es liefen überall Wachposten herum. Wenn man Glück hatte, war man in Litauen, konnte betteln gehen und wieder mit einem leeren Güterzug nach Hause fahren. Einschlafen durfte man nicht, sonst wäre man ausgeraubt worden.
    Das war dann schon so 1947, als Byla wieder nach Litauen fuhr und nicht nach Hause kam, weil er dort etwas zu essen hatte. Bohnche ist mit Jette noch ein paarmal nach Litauen gefahren. Als Bohnche mit seinem Freund gefahren ist, ist er nie wiedergekommen.
    Warum sind eigentlich zur Hauptsache Kinder gefahren? Sie bekamen etwas, weil man mit Kindern eben mehr Mitleid hatte. Jette ist noch mit Mutter zusammengeblieben. Sie sind beide 1948 aus Königsberg ‚rausgekommen. Byla ist 1951 aus Litauen wiedergekommen. Vater, Mutter und Jette waren auch wieder zusammen. Sie haben sich in Leipzig wiedergetroffen und sind dann über die „schwarze Grenze“ nach Hamburg gekommen, wo Byla die drei in die Arme nehmen konnte. Bohnche haben wir nie wiedergesehen.
    Die Personen
    Vater war Fritz Fischer und ist 1989 mit 83 Jahren gestorben. Mutter hat sich 1954 von Vater scheiden lassen und hat 1956 Herrn Badtke geheiratet. Bohnche ist Kurt Fischer und immer noch vermißt. Jette ist Renate Niemann geb. Fischer. Byla ist Wolfgang Fischer und Verfasser dieser Geschichte. Die verwandten Namen waren die Kosenamen der Kinder.
    Seite 58-59 Gedanken der Vergangenheit – Zweites Kapitel –
    Als Byla 1947 in Litauen blieb, weil der Hunger eben stärker war und er seine Familie aus den Augen verloren hatte, hatte er es auch nicht leicht. Er war aber wenigstens satt und machte sich weiter keine Gedanken, ob Bohnche, Jette und seine Mutter etwas zu essen hatten. So kam es, daß er die drei ganz vergaß.
    In Litauen zog er dann bettelnd von einem Bauern zum anderen, schlief mal da in einer Scheune oder dort in einem Stall. Im Sommer schlief Byla auch draußen. Als eines Tages eine Bäuerin fragte, ob er Gänse hüten wollte, war er schon elf Jahre alt. Und das würde er ja schließlich können. Byla blieb bei dem Bauern und wurde dort auch gut behandelt. Er bekam neben dem Kuhstall einen kleinen Raum, wo er schlafen konnte. Später durfte Byla bei dem Bauern auch die Kühe hüten.
    Byla wußte, daß er eigentlich Wolfgang heißt, aber Byla war eben einfacher, weil seine Mutter und seine Geschwister ihn so nannten. Als die Litauer fragten, wie er heißt, sagte er Wolfgang. Auf Litauisch hieß das Valentinas, und so kam es, daß er in Litauen immer Valentinas gerufen wurde. Der Name Byla war somit verschwunden.
    Valentinas war ungefähr eineinhalb Jahre bei diesem Bauern, als etwas Schreckliches passierte. Er trieb gerade seine drei Kühe nach Hause, als er kurz vor dem Bauernhof merkte, daß dieser ganz von russischen Soldaten umstellt war. Als Valentinas das sah, ließ er seine Kühe im Stich und rannte davon. Er wußte vom Erzählen der Leute, wenn so etwas passiert, werden die Litauer nach Sibirien verschleppt. Und so war es auch, wie er später erfuhr. Der Bruder dieser Bäuerin war bei den Partisanen. Deshalb wurden sie verschleppt! Die alte Oma haben die dagelassen, wieer später erfahren hat, und alles wurde beschlagnahmt. Da Valentinas noch einige Zeit in dieser Gegend blieb, natürlich wieder bettelnd und mal hier und mal da schlafend, denn man kannte ihn ja auch, den Woketuks, den Deutschen. Er sprach schon fast perfekt Litauisch, denn Deutsch konnte er fast gar nicht mehr. Da erfuhr er auch, daß die Verschleppten irgendwo in Sibirien arbeiteten. Sie hatten sich auch eine Kuh angeschafft. Das war alles, was Valentinas je erfahren hatte, denn er zog weiter, bis ihm eines Tages das Glück hold war. In der Nähe von Krukors fand er wieder einen Bauern, wo er bleiben konnte. Dort durfte Valentinas auch wieder Kühe hüten, und er lernte, jede Arbeit, die auf einem Bauernhof vorkam, zu verrichten. Das einzige, was Valentinas nicht konnte, war Pflügen, denn das war zu schwer für ihn. Aber mit der Sense konnte er umgehen und Melken hatte er auch gelernt. Doch leicht hatte Valentinas es in Litauen auch nicht, denn er mußte fast alles alleine machen. Die Bäuerin war meistens kränklich, und der Bauer selbst mußte in einer Kolchose arbeiten. So lernte Valentinas sogar noch zu kochen. Schlafen durfte Valentinas im Winter über im Stall und im Sommer in der Scheune. Man wollte den Woketuks, den Deutschen, wohl nicht im Haus haben. Einmal ist es doch passiert! Das war im Winter, und es war so fürchterlich kalt, daß die Bäuerin sagte, er soll doch im Haus am Ofen schlafen. In dieser Nacht war es wirklich so kalt, daß die Bäume knackten und auseinanderrissen. In dieser Nacht passierte es auch, daß die Wölfe in den Stall eindrangen und sich zwei Lämmer holten. Ein Schaf haben sie totgebissen und das Mutterschaf verletzt. Die Kleinen haben die Wölfe dann hinter dem Gebäude aufgefressen. Jäger haben dann noch nach den Wölfen gesucht, aber sie waren schon verschwunden. Valentinas schlief doch im Winter immer über diesem Stall. Der Stall war von einer Seite offen, und es führte eine Leiter von außen zum Stallboden nach oben. Ob ein Wolf eine Leiter hochklettern konnte?

    Seit 60-61 Aber gerade in dieser Nacht durfte Valentinas ja im Haus am warmen Ofen schlafen! Wie kam es überhaupt, daß Wölfe in einen Stall eindringen konnten? Es kam daher, daß in Litauen auf dem Lande die Häuser und alle anderen Gebäude aus Holz waren. So wie in Kanada die Blockhäuser sind, und der Stall war eben morsch. Wenn Wölfe hungrig sind, sind sie zu allem fähig, und 1949 gab es noch sehr viele Wölfe. Man hat sogar gehört, daß sie Menschen angefallen haben.
    Eines Tages war es so, daß bettelnde Deutsche auf den Bauernhof kamen. Valentinas kam mit diesen Leuten ins Gespräch – halb deutsch, halb litauisch – und hörte, daß es Gerüchte gab, wonach sich Deutsche melden sollten, damit sie wieder nach Deutschland zurück können. Doch damit hat es noch etwas gedauert. Man hatte auch Angst, denn es gab auch andere Gerüchte, die sagten, daß man vielleicht nach Sibirien kommen könnte. Aber eines Tages sagten die Litauer selbst, es soll wahr sein, es sollen wirklich Transporte nach Deutschland gehen. Valentinas‘ Bauernleute sagten auch, er soll sich doch mal melden. Das tat er dann auch. Sein Bauer hat ihn mit dem Pferdewagen in eine 50 Kilometer entfernte Stadt gebracht, wo er sich melden konnte. Und so wurde im November 1950 aus Valentinas wieder Wolfgang Fischer. Denn bei den Behörden wurde er wieder der Woketuks, der Deutsche. Es würde noch zwei Monate dauern, bis es soweit war, aber er war ja jetzt registriert.
    Valentinas bzw. jetzt wieder Wolfgang mußte aber noch den langen Weg von 50 Kilometern wieder zum Bauern zurück. Er schaffte es in drei Tagen.
    Eines Tages war es soweit: Im Januar 1951 wurde er sogar mit einem Lastwagen abgeholt, wo schon andere Deutsche drauf waren. Man hatte wohl Angst, daß die Deutschen sonst nicht kommen würden. Darum hat man sie eingesammelt. Wolfgang bekam noch Brot und Speck mit für unterwegs, man hat sich verabschiedet, und dann ging es einen ganzen Tag bis nach Kaunas. Es war Winter, und die Straßen waren sehr schlecht. In Kaunas kamen alle erst einmal in ein Sammellager. Es wurden einem die Haare wegen der Läuse geschoren, und man wurde desinfiziert. Dann wurde man eingekleidet. Nach einer Woche wurden alle auf Güterwagen verladen, und es ging ab Richtung Osten. Alle bekamen es mit der Angst zu tun, denn es gab auf einmal Gerüchte, daß alle nach Sibirien kommen. Aber dem war nicht so.
    Der Zug fuhr nach Wilnios, der Hauptstadt von Litauen, wo noch mehr Deutsche in Güterzügen angekoppelt wurden. Es hat noch einige Zeit gedauert, bis es losging. Erst bekamen alle noch Verpflegung, und dann ging es wirklich los, Richtung Westen.
    Am nächsten Tag waren sie in lnsterburg, das war eine Stadt in Ostpreußen, WO alle umgeladen wurden in richtige Personenzüge. Das nahm auch wieder einen Tag in Anspruch, wegen der vielen Menschen, die noch versorgt werden mußten. Und dann ging es wirklich nach Deutschland Ost. Dort kam man wieder in ein Lager und wurde registriert. Was weiter mit diesen Deutschen passierte? Sie werden wohl alle ihre Verwandtschaft gefunden haben, oder auch nicht.
    Wolfgang kam mit vielen anderen Kindern nach Jena.
    Seine Tante Ruth hatte auch erfahren, daß ein Transport aus Litauen angekommen ist. Wolfgang selber hatte überhaupt keine Ahnung, ob von seiner Verwandtschaft noch jemand lebte. Inzwischen waren über vier Jahre vergangen, seit er von zu Hause weg war. Wo sollte er auch suchen? Nach Königsberg war er ja nicht gekommen, und da gab es auch keine Deutschen mehr. Das wußte er aber nicht. So kam es, daß er von seiner Tante gesucht wurde. Sie hatte erfahren, daß ein Wolfgang Fischer im Flüchtlingstransport dabei war und in Jena in einem Kinderheim untergebracht war. Seite 62 Seine
    Tante kam dann auch eines Tages nach Jena, um zu sehen, ob es wirklich ihr Neffe war. Denn Wolfgang Fischer, der im Heim war, war ein Jahr älter, wie man ihr berichtete. Das kam so: Wolfgang ging in keine Schule, und Geburtstage hat er auch keine mehr gehabt. So kam es, daß er nicht mehr wußte, wann er geboren war.
    Zum Glück hat die Tante ihn, den Byla, gleich erkannt. Als er seine Tante sah, fragte er in gebrochenem Deutsch: „Seien Sie sich meine Tante Ruth?“ Er konnte ja tatsächlich nur noch wenig Deutsch. So hat Wolfgang erfahren, daß seine Eltern noch lebten und im Westen seien. Die Tante wohnte in Leipzig, wo die Eltern ihren Wolfgang 1951 wieder in die Arme nehmen konnten.
    Dann kam er nach Hamburg, wo er eine Sonderschule besuchte, um wieder Deutsch zu lernen. Innerhalb von drei Jahren hat er Schreiben, Lesen und Rechnen gelernt, denn in Königsberg war er gerade eineinhalb Jahre zur Schule gegangen. Das auch noch nicht mal täglich, wegen der Bombenangriffe. Später waren dann Flüchtlinge in seiner Schule.
    Und nun ist Wolfgang Fischer alt geworden und schreibt mit seiner so kindlichen Schrift die ihm noch erhaltenen Gedanken nieder in der Hoffnung, daß es viele Menschen – zur Hauptsache Kinder – lesen werden, um zu begreifen, was Hunger und Krieg anrichten können. Und damit Menschen begreifen, daß Menschen, die Hunger haben, dahin gehen, wo es etwas zu essen gibt.
    Ich selbst bin auf jeden Fall den Litauern, die mir geholfen haben, dankbar. Ebenfalls dem lieben Gott, der mich hat überleben lassen, so daß ich, Byla, alias Valentinas und Wolfgang, meine Gedanken niederschreiben konnte. Dieser Kommentar ist aus meinem Buch,Vom Wundersamen Wesen Mensch!
    1. September um 15:15 · Bearbeitet · Gefällt mir · 3
    Wolfgang Fischer

    Wolfgang Fischer
    13. Juli · Bearbeitet ·
    Beim Harley Treff 2014 am 5.7.in Hamburg.

  3. Waffenstudent says:

    FILM:

    Als „Wolfskinder ist die Bezeichnung für deutsche Kriegswaisen, die nach 1945 auf der Suche nach Lebensmöglichkeiten in außerdeutsche Zusammenhänge gerieten und später als Erwachsene im Ausland (Polen, Litauen, Lettland Estland usw.) unter falscher Identität leben mußten.”

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