Hagen: Vertriebene werden vor die Tür gesetzt

 

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Hagen. Die Zeit drängt: Ende Februar müssen die Landsmannschaften, die seit Jahrzehnten in den Ostdeutschen Heimatstuben an der Hochstraße zusammenkommen, ihre vertraute Umgebung räumen. Wohin es mitsamt den zahlreichen Kulturgütern an den Wänden geht, ist noch offen.

Die langen Tischreihen umsäumen akkurat platzierte Stühle, die Wände sind dekoriert mit Wimpeln und Wappen, Karten, Zeichnungen und Fotos – viele sogar noch in Schwarz-Weiß. Wer die Ostdeutschen Heimatstuben an der Hochstraße
betritt, unternimmt eine packende Zeitreise in die deutsche Geschichte. Jedes Erinnerungsstück schlägt Brücken zu menschlichen Biografien und Schicksalen. Lebenspläne wurden nach dem Zweiten Weltkrieg
fern der angestammten Heimat in ganz neue Bahnen gelenkt, familiäre Existenzen oft zerrissen, manchmal aber auch wieder zusammengefügt.

Wer mit Bernhard Jung, seit 15 Jahren Vorsitzender des Bundes der Vertriebenen, und Werner Klatt, Vorsitzender der Danziger Heimatgruppe, durch die Räume streift, versinkt schon nach wenigen Minuten in Erzählungen und Beschreibungen, die sich alle irgendwo zwischen Flucht und Verlust, Liebe und Vergewaltigungen, Mord und Angst, aber auch Hoffnung und Neuanfang bewegen.Gegen das Vergessen „Was wir erlebt haben, kann das Fernsehen nicht transportieren“, lässt Klatt nur einen schmalen Blick in seine bis heute aufgewühlte Gefühlswelt zu. Der Bauernsohn aus Grenzacker kehrte als Zehnjähriger der Danziger Bucht den Rücken und verließ sein heimatliches Universum in Richtung Stettin. Der Schlesier Jung wiederum, heute 85 Jahre alt, stammt aus Klodebach (Kreis Grottkau), wurde kurz vor Kriegsende als 16-Jähriger noch zur Infanterie nach Bayern eingezogen und ist nach der Kapitulation gar nicht erst wieder in sein Dorf zurückgekehrt. Erst 1970 führte ihn eine Busreise als Tourist wieder zurück in seine einstige Heimat.

Bis heute gehören die beiden Männer zu den Schlüsselfiguren und Triebfedern, die die Erinnerung an Heimat und Vertreibung an der Hochstraße wach halten. Königsberger Schloss, Marienburg in Ostpreußen, Stockturm in Danzig, Wasserturm in Lyck, Schrotholzkirche in Beuthen oder auch das Rathaus in Breslau trotzen dort als imposante Wandmotive dem Nebel des Vergessens. Junger Generation fehlt emotionale Bindung Danziger, Schlesier, Oberschlesier und Ostpreußen treffen sich ein- bis zweimal im Monat, der ostdeutsche Heimatchor sogar jede Woche – die Vertriebenengruppen der Westpreußen, aus Pommern und dem Sudetenland sowie die Memelländer haben sich inzwischen aufgelöst. „Der jüngeren Generation fehlt einfach die emotionale Bindung“, weiß Jung. „Deren Heimat ist hier, das Gefühl des Heimatverlustes ist ihnen fremd.“ Mehr als 500 Hagener waren seinerzeit in den einzelnen Landsmannschaften organisiert, heute tauchen in den Mitgliederlisten kaum noch 150 Namen auf.

Direkt nach dem Krieg versammelten sich die Vertriebenen-Gruppen noch in Gaststätten, um fern der ursprünglichen Heimat zumindest kulturell das Verlorene zu bewahren und damit die oftmals traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Später schlüpften die Stammtische der Landsmannschaften sowie die Tanz- und Musikgruppen im Keller der Villa Post unter, zogen 1975 zum Emilienplatz um und wurden letztlich vor 30 Jahren von der Stadt Hagen an der Hochstraße untergebracht. „Museum der Heimat“ Doch auch dort stapeln sich in diesen Tagen wieder die Umzugskartons, weil das Objekt an einen privaten Investor verkauft wurde. Ende Februar müssen die Räumlichkeiten geräumt sein, der neue Hausherr kümmert sich um den Abtransport der ungezählten Erinnerungsstücke. „Unsere Heimatstube ist eben nicht nur eine Begegnungsstätte der einzelnen Landsmannschaften, sondern auch ein Museum der Heimat“, möchte Jung die zahlreichen Einzelstücke unbedingt bewahren.

Hintergrund: Haus wird saniert

Das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus Hochstraße 74 wurde 1902 vom Sparkassenverband Boele errichtet. Das im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte Gebäude wurde 1951 wieder aufgebaut.Neben den Ostdeutschen Heimatstuben waren in dem Objekt zuletzt Teile der städtischen Umweltverwaltung sowie das Servicezentrum Sport untergebracht.Der Dahler Immobilien-Entwickler Oliver Schmitz-Hegemann hat den Bau von der Stadt Hagen erworben und möchte ihm wieder ein wenig Glanz aus den Zeiten des Jugendstils einhauchen. Gedacht ist an sechs Wohneinheiten unterschiedlichster Größe mit Dachterrasse.

Obwohl die Stadt die Immobilie über zehn Jahre zum Verkauf angeboten hat, weiß der engagierte Eppenhausener bis heute nicht, in welche neue Alternativbleibe der Lkw-Fahrer die Kulturgüter der Vertriebenen kutschieren soll. „Die Stadt hat uns zwar einen Raum im Stadtteilhaus in Vorhalle und ein Objekt am Kratzkopf angeboten, aber beides liegt für unsere Zwecke viel zu abseits“, hofft Jung auf eine Alternative in der Innenstadt mit Busanbindung. „Viele Mitglieder aus den Landsmannschaften – manche sind mit dem Rollator unterwegs – haben schon gesagt, dass sie diesen Weg nicht mehr auf sich nehmen wollen“, fürchtet Klatt sich vor Auflösungstendenzen.Zentrale Anlaufstelle gesuchtGesucht wird ein Versammlungsraum für etwa 50 Personen mit Toiletten und einer Küche. „Beispielsweise eine leer stehende Hausmeisterwohnung in einer Schule in der Innenstadt – das wäre für unsere Zwecke ideal“, formuliert Jung seine Wunschvorstellung. Zumal sich damit auch die Chance eröffnete, der heutigen Jugend die Ära der Vertreibung aus der persönlichen Erlebnisperspektive der Betroffenen heraus direkt zu vermitteln – Geschichte aus erster Hand. „Wir wissen noch nicht, was da kommt.“ Was bleibt, ist die Ungewissheit. Wird dieser erneute Umzug der Vertriebenen-Landsmannschaften die Gemeinschaft sprengen? Wie und wo kann es weitergehen? Fragen, Sorgen und Zweifel, die Bernhard Jung aktuell schlaflose Nächte bereiten…

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3 Responses to Hagen: Vertriebene werden vor die Tür gesetzt

  1. Maice Wolfrum says:

    Die Vertreibung der Vertriebenen.
    Hagen ist nicht die erste Stadt, wo so mit den Vertriebenen umgegangen wird. Trauriges Beispiel ist auch Duisburg, wo die Königsberger ihre Heimstatt verloren, die Argumentation war damals, 1992, ähnlich. Inzwischen wurde ihnen auch ihre Notunterkunft im Niederrheinischen (!) Museum genommen. Die Erinnerung an das Schicksal der Vertreibung soll ausgelöscht werden. Der jungen Generation wurde erst gar nicht die Möglichkeit gegeben, sich mit dem Erbe der Eltern und Großeltern auseinanderzusetzen. In der Schule und in den Familien war es leider ein Tabuthema. Die Umerziehung tat ihr Übriges. Inzwischen sind die Überlebenden alte Leute, die sich nicht mehr wehren können. Sie waren leider lang genug Stimmvieh der etablierten Parteien, nun werden sie aufs Abstellgleis geschoben.

  2. Pingback: Hagen: Vertriebene werden vor die Tür gesetzt – Vertrieben-aktuell | Aussiedlerbetreung und Behinderten - Fragen

  3. Manzony says:

    Ja, so ist es mit der Deutschen Geschichte und der Verantwortung dazu. Die Politikaster heizen nur die sogenannte Verantwortung der Deutschen an anderen Völkern an. Und angeblich wären die deutschen Zivilisten selber schuld für die Verbrechen, welche an ihnen verübt wurden.
    Ist doch einfach zum kotzen!!!!
    In Berlin wurden rieige Denkmäler für die Juden und Zigeuner errichtet und bei den eigenen Leuten warten diese A….löcher auf die biologische Lösung.
    Aber es gibt noch uns!
    Niemals vergeben, niemals vergessen!
    Semper GD

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