»Die blauen Dragoner, sie reiten …«

Zum Ende ihrer 200-jährigen Geschichte liefen die Tilsiter Reiter noch einmal zu Höchstform auf

Die blauen DragonerZum Tilsiter Stadtbild gehörten seit alters her die blauen Dragoner. Ihre offizielle Bezeichnung lautete Dragoner-Regiment Prinz Albrecht von Preußen (Litthauisches Nr. 1). Das Regiment stammte noch aus der Zeit des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I., 1717 war sein Gründungsjahr. Es rekrutierte sich aus den Bauernsöhnen des äußersten Nordostens von Preußen und genoss den Ruf, die besten Pferde und Reiter zu haben. 200 Jahre lang schrieb es Geschichte auf den Kriegsschauplätzen Europas.

Die Beliebtheit der Tilsiter Reiter kam in dem Lied „Die blauen Dragoner, sie reiten, mit klingendem Spiel vor das Tor“ zum Ausdruck. Man kann es heute noch hören, auch wenn es die Dragoner nicht mehr gibt. 92 Jahre ist es her, dass die Tilsiter Dragoner um die Weihnachts- und Neujahrszeit mit einem spektakulären Ritt das letzte Kapitel ihrer Regimentsgeschichte schrieben.

Der Erste Weltkrieg war zu Ende. Die Nachricht vom Waffenstillstand erreichte das Regiment im ukrainischen Gouvernement Poltawa. Sammelpunkt zum Abmarsch war Mirgorod, 300 Kilometer östlich von Kiew. Der Bahnhof befand sich in der Hand der ukrainischen Petljura-Truppen. Sie kontrollierten die Bahnlinie nach Kiew mit einem Panzerzug und waren nicht bereit, Lokomotiven und Güterwagen bereitzustellen. Ein Abtransport mit der Bahn war völlig ausgeschlossen. Der Regimentsführer Major Osterroht stand vor einer schweren Entscheidung. Mit den ersten Nachtfrösten kündigte sich der russische Winter an. Ein Heimritt über 2000 Kilometer würde für Ross und Reiter eine ungeheure Herausforderung bedeuten, doch der Befehl lautete in militärischer Kürze: Rückkehr in die Heimatgarnison, egal wie. Es wären keine Tilsiter Dragoner gewesen, wenn sie nicht den Heimritt gewagt hätten. Sie vertrauten ihren Pferden aus guter ostpreußischer Zucht.

Der Marsch brachte die erwarteten Schwierigkeiten. Der Dnjepr-Brückenkopf Brovary war von Truppen des Generals Datschenko besetzt. Der General forderte die Abgabe von Waffen, Pferden und Gerät. Die Verhandlungen waren zäh. Die Forderungen scheiterten schließlich an der Standfestigkeit der Dragoner.

Im frühen Morgengrauen des 24. Dezember kam die frohe Weihnachtsbotschaft zum Weiterritt. Das Regiment zog über die zwei Kilometer lange Nikolaibrücke und passierte Kiew. Am späten Heiligabend nahmen die Dragoner in Budajewka Quartier. Fern der Heimat wurde ein stimmungsvolles Weihnachtsfest gefeiert und nach ein paar Tagen Rast das neue Jahr 1919 begrüßt.

Am 2. Januar hieß es wieder: „Aufsitzen“! Bei starkem Frost und verschneiten Wegen sank die tägliche Marschleistung. In Schneewehen steckengebliebene Trossfahrzeuge mussten gegen Panjeschlitten getauscht werden. In Wolhynien nahm die Suche nach Nahrungsmitteln und Heu immer mehr Zeit in Anspruch. Der Hunger wurde zum ständigen Begleiter. Vorausreitende Quartiermacher und Fouriere wurden nicht selten aus dem Hinterhalt beschossen. In der letzten Januarwoche erreichte das Regiment Kowel. Die Kleinstadt überraschte mit Handel und Wandel. Hier gab es sogar Hufschmiede. Eine zweitägige Rast wurde eingelegt und am 27. Januar gab es eine Feier zu Kaisers Geburtstag. An Bialystok vorbei erreichten die Dragoner am 18. Februar den Ort Grajewo und überschritten die deutsche Reichsgrenze. Herzlich begrüßt von der Bevölkerung zogen sie in Prostken ein.

Im Bahntransport gelangten die erschöpften Reiter und Pferde nach Hause. Auf den Bahnhöfen Szillen und Argeningken wurde ausgeladen. Die Bevölkerung bewirtete sie mit ostpreußischer Gastlichkeit. Zwei Tage vergingen mit dem Herausputzen der Uniformen und dem Striegeln der Pferde, ehe man am Sonntag, dem 23. Februar Einzug in die Garnisonsstadt hielt. Am Hohen Tor war eine Ehrenpforte errichtet worden, die Straßen waren mit Girlanden und Fahnen geschmückt. Unter dem Jubel der Tilsiter zog das Regiment durch die Stadt, schwenkte am Schenkendorfplatz ein und nahm im offenen Viereck Aufstellung vor dem Rathaus. Das Trompeterkorps intonierte den Preußenmarsch.

Von der Rathaustreppe begrüßte Oberbürgermeister Pohl das Regiment. Major Osterroht versicherte, dass sich das Vaterland auf das Dragonerregiment jederzeit verlassen könne. Der Geist des Regiments sei der gleiche geblieben. Unter den Klängen des Prinz-Albrecht-Marsches fand ein abschließender Vorbeimarsch vor der Dragonerkaserne statt. Dann wurde „Abgesessen“. Es sollte für immer sein.

Noch im selben Jahr kam das „Aus“. Mit dem Gesetz vom 6. März 1919 wurde die Auflösung der „Alten Armee“ verfügt. Das ruhmvolle Dragoner-Regiment Prinz Albrecht von Preußen (Litthauisches Nr. 1) hörte auf zu existieren. Eine zweihundertjährige Geschichte war zu Ende.          

            Hans Dzieran

Der Autor dieses Artikels hat mit Alfred Rubbel die Broschüre „Die Tilsiter Dragoner – Das Dragoner-Regiment Prinz Albrecht von Preußen/Litthauisches Nr. 1) verfasst. In dem Heft wird außer der Geschichte des Dragoner-Regimentes auch thematisiert, dass erst kürzlich bei der Renovierung einer Kaserne 36 Fresken zum Vorschein kamen, auf denen die zweihundertjährige Regimentsgeschichte verewigt ist. Das Heft hat 40 Seiten und 22 Bilder. Es kann bei der Stadtgemeinschaft Tilsit e.V. auf Spendenbasis angefordert werden.

Quelle: Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 51/10 vom 25.12.2010

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