Brutale Gewalt schon damals

In der Masurischen Winterschlacht wurde Ostpreußen von der zaristischen Besatzung befreit

Gerdauen Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg war Deutschland im Ersten kaum Kriegsschauplatz. Eine Ausnahme bildete Ostpreußen, das – wenn auch „nur“ partiell und kurzzeitig – schon damals seine Erfahrung mit russischen Besatzern machte.

Dass Ostpreußen im Ersten Weltkrieg Kriegsschauplatz wurde, war Folge des so genannten Schlieffenplans, der Deutschlands Strategie in diesem Völkerringen bestimmte. Dieser vom General­stabschef Alfred Graf von Schlieffen (1833–1913) entwickelte Plan ging von einem Zweifrontenkrieg und davon aus, dass Russland wie eine Dampfwalze sei – aufgrund der großen Bevölkerungszahl von unheimlicher Wucht, aber aufgrund des geringen Industrialisierungsgrades und der schwachen Infrastruktur nur langsam in Bewegung zu setzen. Die Deutschen wollten erst unter Aufbietung aller Kräfte die Franzosen im Westen niederringen, um sich dann mit vereinter Kraft den Russen entgegenzuwerfen. Um die nötige Schlagkraft für eine schnelle Niederringung der Franzosen im Westen zur Verfügung zu haben, wollte man sich im Osten auf hinhaltenden Widerstand beschränken und sich notfalls unter Aufgabe Ostpreußens bis ans Westufer der Weichsel zurück­ziehen. Nach der Niederringung Frankreichs sollte das vorläufig geräumte Gebiet dann mit vereinten Kräften zurückerobert werden.

Allerdings rollte die russische Dampfwalze schneller über die Grenze als erhofft. Der Schlieffenplan stammte aus dem Jahre 1905 und ging von einem durch die Russische Revolution von 1905 und den Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05 geschwächten Land aus. Das Zarenreich hatte sich seitdem jedoch erholt und mit finanzieller Unterstützung Frankreichs die Mobilität seiner Armee erhöht. Schneller als erwartet begannen so die Russen mit zwei Armeen das exponiert gen Osten ragende Ostpreußen in die Zange zu nehmen. Vom Süd(west)en griff die Narew-Armee und vom Nord(ost)en die Njemen-Armee an. Gemeinsames Ziel der nach den Flüssen Memel (Njemen) und  Narew benannten Armeen war Königsberg, wo man sich zu vereinigen trachtete.

Angesichts dieser Bedrohung äußerte der deutsche Kommandeur vor Ort, Generaloberst Maximilian von Prittwitz und Gaffron, in einem Telefonat mit Generaloberst Helmuth Johannes Ludwig von Moltke sogar Zweifel, die Weichsel halten zu können. Derart viel Vorsicht und Defensivgeist war denn doch dem Chef des Großen Generalstabes zuviel und Prittwitz und Gaffron wurde durch General Paul von Hindenburg ersetzt.

Hindenburg nahm sich die beiden feindlichen Armeen nacheinander einzeln vor, wobei er das Glück hatte, dass die als zweite angegriffene der zuerst attackierten nicht zur Hilfe eilte. In der Schlacht von Tannenberg vernichtete er vom 26. bis 30. August 1914 die Narew-Armee. Danach wandte er sich der Njemen-Armee zu und besiegte diese vom 6. bis 14. September des selben Jahres in der Schlacht an den Masurischen Seen. Im Gegensatz zur Narew- entging jedoch die Njemen-Armee der Vernichtung durch rechtzeitigen Rückzug gen Osten. So hatten die Russen genügend Kapazitäten, einen erneuten Versuch zur Eroberung Ostpreußens zu unternehmen. Dieser wurde jedoch vom 7. bis 22. Februar 1915 in der Winterschlacht in Masuren zurückgeschlagen. Ostpreußen war für diesen Krieg nun endgültig befreit, sieht man von der handstreichartigen Eroberung Memels am 15. März 1915 ab, der bereits wenige Tage später die Rückeroberung durch deutsche Truppen folgte.

Die russische Besetzung hatte Tausende von Ostpreußen das Leben gekostet. Schuld daran war nicht zuletzt eine übertriebene Angst der zaristischen Armee vor dem, was man heute als asymmetrischen und damals noch als Partisanenkrieg bezeichnet hat. Überall vermuteten die Russen Partisanen und Spione. In ihren Augen Verdächtige wurden häufig kurzerhand getötet. Etwa 1500 Zivilisten fielen der russischen Besatzung zum Opfer, wobei die Grenzkreise Ortelsburg, Lyck und Pillkallen an der Spitze standen. Und wer nicht getötet wurde, lief Gefahr, verschleppt zu werden. 13600 Zivilisten wurden (meist nach Sibirien) deportiert. Von denen kehrten über 4000 nicht mehr in die Heimat zurück. Daneben kam es auch damals schon zu Vergewaltigungen durch russische Soldaten, wie überhaupt der Verdacht besteht, dass das Motiv der Partisanenbekämpfung mancherorts nur ein Vorwand für Übergriffe auf Zivilisten und deren Eigentum war.

Der materielle Schaden wird auf eineinhalb Milliarden Mark geschätzt und überstieg in Teilen der Provinz sogar denjenigen des Zweiten Weltkrieges. In 39 Städten und 1900 Ortsschaften waren 40000 Gebäude vernichtet und 60000 weitere beschädigt worden. Der Landwirtschaft gingen 135000 Pferde, 250000 Rinder und 200000 Schweine verloren.

Dabei ist zwischen dem ersten und dem zweiten Einfall zu unterscheiden. Der erste kostete mehr Zivilisten das Leben, weil er eine unvorbereitete Bevölkerung (mit einer überforderten Zivilverwaltung) traf, während beim zweiten der von den Russen eroberte östliche Teil der Provinz bereits vorher weitgehend evakuiert worden war. Hingegen war beim zweiten Eroberungsfeldzug der materielle Schaden größer, weil diesmal planmäßig geplündert und verwüstet wurde. Was die zaristische Armee nicht demontieren konnte, zerstörte sie oft, da diesmal die Schädigung der Industrie ausdrückliches Ziel war. Trotz aller menschlichen Opfer und materiellen Schäden waren diese Erfahrungen mit der zaristischen Armee allerdings nur ein schwacher Vorgeschmack auf jene, welche die Ostpreußen genau 30 Jahre später mit der sowjetischen Soldateska machten.

Artikel von Dr. Manuel Ruoff in der Preußischen Allgemeinen Zeitung

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