Tante Bertchen backt Pfefferkuchen–eine Adventsgeschichte aus Ostpreußen

Liebe Freunde von vertrieben-aktuell, zur Adventszeit kommt hier ein Geschichtchen aus Ostpreußen:

Bertchen“, hatte die alte Oma Kahnert immer gesagt, „Bertchen, wenn du mal heiraten tust, dänn nimm man einen, der schmengert. Weißt, so einen, wo gerne Fladen und Stritzel ißt, das sind die Besten. Sie rauchen nich, sie trinken nich, und Süßes schad‘ mischt.“

Tante Bertchen hatte das Rezept der alten Kahnertschen befolgt und ihren Willem geheiratet. Daß der gerne schmengerte, wußte Tante Bertchen schon von Kinderschuhen an – seit der Nachbarsbowke ihr auf dem Johannimarkt die längste Lutschstange stibitzt hatte.

Sie hatte dann aber doch in ihrer langen Ehezeit manchen triftigen Grund, an der Weisheit der Kahnertschen zu zweifeln. Denn ihr Willem aß zwar, ohne mit der Wimper zu zucken, einen halben Streusel- fladen zum Kaffee auf, aber das Rauchen gewöhnte er sich trotzdem an, und im Krug pflegte er es nie bei einem Tulpchen Bier zu belassen. Ob sein beachtliches Bäuchlein den Süßigkeiten oder dem Bier zuzuschreiben war, konnte Tante Bertchen allerdings nicht enträtseln.

Diese Geschichte spielt nun in einer Zeit, da der Ohm schon weit aus der Blüte der ersten und auch mancher späteren Jugend war. „Aber vernünftig ist der Krät noch immer nich'“, pflegte Tante Bertchen zu gnaddern, wenn der Ohm mal wieder etwas berissen hatte. Entweder war er hinter dem Schmandtopf hergewesen oder hatte die ganzen Purzel verdrückt, die für den Besuch bleiben sollten – Tante Bertchen war vor solch unliebsamen Entdeckungen nie sicher.

Sie pflegte schon deshalb immer neue Verstecke auszubaldowern und das Marzipan im leeren Gurkentopf und den Rest Napfkuchen im Nähmaschinenkasten zu verwahren. Der Ohm freute sich dann wie ein Schießhund, wenn er solch ein heimliches Versteck entdeckte hatte, und hob es gründlich aus.Nun war der erste Advent herangekommen, an dem Tante Bertchen nach altem Familienbrauch den Pfefferkuchenteig anzusetzen pflegte, aus schönstem Honig und lieblich mit Zimt, Kardamom, Piment und Nelken gewürzt. Der Teig muß bis kurz vor Weihnachten kalt stehen, um dann erst gebacken zu werden.

Für Kuchen hatte der Ohm im allgemeinen und für Pfefferkuchen eine besondere Schwäche. Und mit Tante Bertchens Pfefferkuchen kamen keine anderen mit, sie waren so kroß und doch sanft und zergingen auf der Zunge wie Schnee. Der Ohm empfand es immer als ausgesproche­ne Bosheit von Bertchen, den Teig wochenlang unberührt liegenzulas­sen, während der süße, wundersame Geruch vom Honig und von all den guten Gewürzen durch die Stuben zog. Aber Tante Bertchen hielt eben streng auf alte Bräuche. Als der Ohm am Sonntag vormittag von seinem Spaziergang nach Hause kam, begann er schon in der Küchentüre zu schnuppern: „Hast all die Pfefferkuchen angeteigt, Bertchen?“ Ja, er war enttäuscht. Kein Schmeckprobehen hatte ihm die Bertchen übriggelassen!

„Wo hast denn den Teig, ich will ihn bloß mal sehen!“

Tante Bertchen blickte ihn über die Ränder ihrer Nickelbrille hinweg spöttisch an. „Was willst? Das geht dich gar nuscht an. Der Teig ist fertig und damit basta.“

Wenn Tante Bertchen „basta“ sagte, war es auch so.

Im Laufe des Sonntags nahm der süße, der liebliche Duft in der Wohnung immer mehr zu. Da nützte auch der Glumskuchen nichts, den Tante Bertchen zum Adventskaffee gebacken hatte. Der Ohm gnadderte immerfort herum, der Kaffee war zu dünn und der Ofen zu kalt und das Lichtchen brannte schief, so daß Tante Bertchen schließ­lich ziemlich erbost zu einem Plauderstündchen mit ihrer Freundin Paula abzog.

Der Ohm begab sich sofort auf Kriegspfad. Er schnupperte in alle Schränke hinein und schielte auf das Küchenbord, visitierte alle Fensterbänke – von Pfefferkuchen keine Spur. Voller Wut vertilgte der Ohm erst einmal den Rest vom Glumskuchen und strafte den Rosinenstritzel ab, den er sich fingerdick mit Butter bestrich. Da ihm nun ein bißchen schwummerig von all dem Süßen wurde, beschloß er, sich mit einem handfesten Kornus zu stärken.

Der gab ihm Mut. Der Ohm begab sich erneut auf die Pirsch. Nach einer halbstündigen Suche fiel sein Blick – gerade als er sich betrübt wieder in seinen Ohrensessel zurückziehen wollte – auf die Eingangs­tür, genauer gesagt auf das alte Bord, das über dem Rahmen hing.

Dort pflegte Tante Bertchen so allerhand seltsame Dinge aufzubewah­ren und zu vergessen wie alte Petroleumlampen, einen Kasten mit ein­zelnen Handschuhen, ausgediente Hundeleinen und einen nie gebrauchten Zichorienröster. All diese Herrlichkeiten waren gnädig mit einem Vorhang verdeckt.

Ein Ritzchen – bloß ein fingerbreites Ritzchen klaffte dieser Vorhang auseinander. Und des Ohms Blick fiel auf eine vertraute braune Tonschüssel. Er hob die Nase und schnupperte wie ein alter Jagdhund. Kam nicht von dort der süße, unwiderstehliche Duft? Trotz seines Bäuchleins war der Ohm wie der Wind in der Besenkammer und zog die Tretleiter heraus. Ebenso schnell hatte er sie schon aufgeklappt und klomm nun die Stufen zur erhofften Seligkeit empor. „Na, kick mal da“, schmunzelte der Ohm, als er den Vorhang auseinanderzog. Tatsächlich, da stand das Tonschüsselchen mit dem Pfefferkuchenteig, der sorgsam in eine weiße Serviette eingeschlagen war.

Der Ohm pulte sie behende auseinander, während er geradezu halsbre­cherisch auf der obersten Stufe der Leiter schwebte, und bohrte seinen Finger in den klebrigen, mit Mehl bestreuten Teig. Er leckte verzückt -so köstlich hatte ihm noch nie ein Kuchenteig geschmeckt. Mit dem

berechtigten Stolz über seinen Spürsinn und die innige Freude, Tante Bertchen überlistet zu haben, mischte sich das leibliche Wohlbehagen.

In diesem glückseligen Augenblick klapperte plötzlich die Eingangs­tür. Und ehe der Ohm wußte, was geschah, wurde die Tür heftig auf­gestoßen und Tante Bertchen erschien auf der Schwelle. Was nun vor sich ging, ist schwer zu beschreiben, so blitzschnell wickelte sich alles ab.

Das ahnungslose Bertchen stieß mit der Tür die Leiter um, auf deren oberster Stufe der Ohm balancierte. Mit einem fürchterlichen Gepolter sauste die Leiter zu Boden, Sekunden später folgte der Ohm, der wie­derum die Pfefferkuchenschüssel nach sich riß.

Tante Bertchen, die wohl an etwas Ähnliches wie Einbrecher oder Weltuntergang geglaubt hatte, begann mörderisch zu schreien. Aber ihre schrillen Hilferufe wurden jäh von dem Pfefferkuchenteig erstickt, der sich nun mild duftend über Tante Bertchen ergoß, während die Schüssel am Boden zerschellte.

Da stand nun Tante Bertchen, auf dem Haupt den zähflüssigen, brau­nen Teig, der hier und dort melancholisch heruntertropfte, und begann – wer hätte das von Tante Bertchen gedacht! – schlichtweg zu weinen. Das ging dem Ohm, der vollkommen verdattert zwischen den Scherben saß, an die Nieren.

„Grien‘ nich so“, versuchte er das weinende Bertchen zu trösten. Aber bei der Tante waren die Schleusen aufgezogen. Und da sie den Tränenstrom mit dem Handrücken einzudämmen versuchte, verklebte sich auch ihre Augen mit dem süßen Honigkuchenteig.

Um Tante Bertchens Seelenqual den Rest zu geben, erschien in diesem Augenblick das uralte und sehr kurzsichtige Fräulein Keiluweit auf der Treppe.

„Ei, ei“, fistelte sie, „Ihr habt schon Pfefferkuchen gebacken. I, wie traust das all riecht…“

Tante Bertchen raffte sich zusammen und tastete sich in den Flur hin­ein. Der Ohm rappelte sich auf und verschwand in der Küche, um Schaufel und Handfeger zu holen.

An diesem Abend wurden nicht mehr viele Worte zwischen Ohm und Tante gewechselt. Nur eines zischte Tante Bertchen, als sie – frisch gebadet und den gewaschenen Zopf mit einem Handtuch verpackt -sehr früh ins Bett kroch:

„Dies Jahr gibt’s keine Pfefferkuchen zu Weihnachten, merk dir das!“

Aber lehr mich einer die Frauen kennen. Drei Tage später rührte Tante Bertchen einen neuen Teig an.

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