Revanchismuskeule wiederentdeckt

von Manfred Ludwigs

Wer den Vertriebenen mit dem Vorurteil „militant, nachtragend“ begegnet,
wird die Forderung nach Entschuldigung für das Vertreibungsunrecht oder nach Restitution leicht als „revanchistisch“ interpretieren. Und dies, obwohl die Ungarn jüngst die vertriebenen Ungarndeutschen rehabilitierten und die Serben nun auch Restitution anbieten.

Nach dem Bundestreffen der Schlesier im Sommer und dem Eklat um deren Bundesvorsitzenden Rudi Pawelka vor einigen Wochen holte man in der Publizistik und auch staatlicherseits den Begriff „Revanchismus“ wieder aus dem verbalen Waffenlager. So will die niedersächsische Landesregierung die Förderung des Deutschlandtreffens der Schlesischen Landsmannschaft einstellen, wenn die Landsmannschaft sich nicht „rückwärtsgewandter und revanchistischer Äußerungen“ enthält.

Heimat ist das Gebiet, in dem ein Mensch sozial, beruflich, wirtschaftlich,
kulturell verwurzelt ist. Wird es von einem anderen Staat einverleibt, führt
dies zum Heimatverlust, wenn die dort lebenden Menschen vertrieben werden.
Verbleiben sie oder können sie, nach freiwilliger Aussiedlung,
zu­rück­kehren, liegt kein Heimatverlust vor. Beispiele hierfür sind – mit
Einschränkungen – das Elsass und Südtirol. Der Heimatverlust der deutschen
Vertriebenen beruht nicht auf der Annexion des Heimatgebietes durch andere
Staaten, sondern auf gewaltsamer Vertreibung aus ihrem Wohngebiet. Daher
setzt Wiedergewinnung der Heimat keineswegs die militärische Rückeroberung
der annektierten Gebiete voraus. Vertragliche Lösungen über die
Rückübersiedlung der Vertriebenen (zumindest in Teile der annektierten
Gebiete) wären ein Lösungsansatz gewesen. Der „Verzicht auf Rache und
Vergeltung“ (Charta der Heimatvertriebenen, 1950) stand der militärischen
Rückgewinnung der Vertreibungsgebiete moralisch ebenso entgegen wie auf der
politischen Ebene die Neuorientierung der (west)deutschen Politik, die
westalliierte Kontrolle der Bundesrepublik und die Einbindung
Westdeutschlands in die Nato. Wer angesichts dieser Sachlage von
Revanchismus sprach, übersah wichtige Fakten.

Vertreibungen Deutscher gab es nur im Osten des Deutschen Reiches
beziehungsweise des deutschen Siedlungsgebietes. Der spontane Hass der
polnischen, tschechischen und slowakischen Bevölkerung reichte jedoch für
eine geplante, organisierte Vertreibung nicht aus. Daneben gab es weitere
Vertreibungsgründe, beispielsweise:

• die angestrebte Westverschiebung der Grenzen des deutschen
Siedlungsgebietes (entlang der Linie Stettin-Triest, wie beim
Panslawistenkongress in Prag, 1848, entworfen);

• das Ziel ethnisch homogener Nationalstaaten in Ostmitteleuropa; Moskaus
Unterstützung bei der Verwirklichung dieses Zieles dürfte die kommunistische
Machtübernahme in Ostmitteleuropa erleichtert haben;

• die Absicherung des „ethnisch gereinigten“ Staatsgebietes durch natürliche
Grenzen (die Oder, die Randgebirge des böhmischen Kessels);

• die Herbeiführung einer Situation, die eine sozialistische Revolution in
Restdeutschland begünstigte, erreicht durch das Hineinpumpen von etwa 14
Millionen mittellosen, arbeits- und wohnungslosen Vertriebenen;

• die Expansionsbestrebungen des kommunistischen Machtbereichs.

Der Zweite Weltkrieg bot die Gelegenheit zur Vertreibung. Die von Deutschen
begangenen Verbrechen wiederum boten Gelegenheit, die wahren
Vertreibungsgründe zu verschleiern. Die angeführten Vertreibungsgründe
erklären, warum nach Kriegsende nicht über die Rückübersiedlung der
Vertriebenen verhandelt wurde.

In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) verschwieg man die Vertriebenen und
ihre Probleme. In den Westzonen wurden bald Vertriebenenorganisationen
zugelassen. Die DDR diffamierte deren Aktivitäten und lange Zeit sogar die
Politik der ganzen Bundesregierung als „revanchistisch“. Entsprechend
definiert Hermann Paul in dem 1992 in neunter Auflage in Tübingen
erschienenen „Deutschen Wörterbuch“ „Revanchismus“ als eine „Politik mit dem
Ziel militärischer Rache, (als ein) bes. gegen die BRD gerichtetes
Schlagwort der DDR bzw. kommunistischer Gruppen“. „Meyers Neues Lexikon“
(Leipzig 1963) definiert Revanchismus als „Bestrebungen, die der Rache und
Vergeltung für die Niederlage einer Ausbeuterklasse in einem früheren
Eroberungskrieg dienen, meist verbunden mit dem Ziel, verlorengegangenes
Land mit militärischer Gewalt wiederzugewinnen. Die Bundesrepublik betreibe
angeblich eine „besonders intensive Revanchepolitik“. Zur Ausbeuterklasse im
Sinne der Definition gehörten die deutschen Industriellen und die
ostelbischen Großagrarier, die – im Bündnis mit dem US-Imperialismus –
besonders aggressiv und rücksichtslos gewesen sein sollen.

Der „landsmannschaftlich organisierte Revanchismus in der BRD hat viele
stille und laute Helfershelfer … Konfrontationskurs und Hochrüstungspolitik
der USA-Administration und Nato-Generalität bilden ein Treibhausklima für
jene Kreuzritter der BRD, die sich mit Trachten zu tarnen versuchen“, so
Werner Flach und Christa Kouschil in dem 1984 in Berlin (Ost) erschienenen
Buch „Kreuzritter in Trachten“. Selbst der Beschluss des DDR-Ministerrates
zum Mauerbau wird mit dem „Treiben der westdeutschen Revanchisten und
Militaristen“ begründet. Außenpolitisch nutzten Ostberlin und Moskau den
„westdeutschen Revanchismus“ zur Disziplinierung im Ostblock. Hierzu
beschrieb man die Vertriebenen als aggressive Ostland-Marschierer und die
Bundeswehr wollte angeblich, zusammen mit dem nach Weltherrschaft gierenden
US-Imperialismus, zum Angriff auf das friedliebende sozialistische Lager
antreten. Ab der Ostpolitik Brandts verlor diese Methode an Wirkung. Ab dem
Grundlagenvertrag mit der DDR im Jahre 1970 ließ diese Propaganda nach, sie
wurde ab 1990 endgültig obsolet.

Die Vertriebenen haben einen völkerrechtlich begründeten Anspruch auf
Rück­kehr in ihre Heimat und auf Restitution. Daneben steht der Anspruch auf
Rück­nahme des Kollektivschuldvorwurfs. Wer seine Ansprüche geltend macht,
handelt nicht revanchistisch. Die Landsmannschaften sollten solche Vorwürfe
entschieden zurückweisen, woher immer sie auch kommen, denn der
Revanchismusvorwurf zielt immer auch auf moralische Disqualifizierung.

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Dr. Manfred Ludwigs, geb. 1943 in Erfurt, studierte nach dem Abitur in
Landshut an der Universität München Wirtschaftswissenschaften für das
Lehramt. Lehrtätigkeit von 1979 bis 2000 und Zweitstudium der
Politikwissenschaft und Pädagogik in Salzburg. Auslandstätigkeit von 1981
bis 1984 und von 1991 bis 1997 als Schulleiter der postsekundären
kaufmännischen Berufsschule der deutschen Industrie in Südafrika. Von 2004
bis 2011 ergänzende Studien in Volkswirtschaft und Internationaler Politik
an der University of South Africa.

Quelle: Preußische Allgemeine Zeitung – Ausgabe 44/13

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